MärchenLandHaus - Tibet Terrier Special I
Hi, Fans!
„Sag mal, spinnst du? Was heißt hier: noch ein klitzekleines
Stück vom Mutterkuchen! Junge, wir müssen raus! Es ist der
dreiundsechzigste Tag, meine Fruchtkammer platzt aus allen Nähten,
da draußen warten sie auf uns. Nun mach doch! Warum Indra
Götterkönig die Brüder erfunden hat, weiß der
Himmel, vor allem die großen Brüder, die ganz besonders. Da
hockt dieser Kompaktbrocken wie ein Korken auf der Flasche und bewegt
sich nicht nach rechts und nicht nach links. Und ist doch auserkoren,
der erste Mid’om Kyi zu werden, den die Welt gesehen hat. Würden
sich Monsieur gefälligst auf den langen Marsch durch den
Geburtskanal machen. Voreilig, sagst du? Ja so siehst du aus. Also,
erstens warten da draußen zwei Blondinen auf uns, naturblond,
klein und dick, eine auf vier Beinen und eine auf zwei, für die
ist das die erste Geburt und die sind ganz hibbelig vor Aufregung.
Mamma schläft schon seit einer Woche in der Wurfkiste, Sibylle
daneben, heißes Wasser und Cognac stehen literweise parat (was
den Cognac angeht, muss man sagen: stand), da liegen weiße
Tücher, Sagrotan und Nabelschnurabbindfäden, Handschuhe und
Wärmflaschen und ich weiß nicht was auf allen Tischen des
Hauses, als wär’s ein Großhandel. Dabei sind wir nur zu
viert. Und du, du kommst mir mit voreilig. Du hast vielleicht Nerven,
großer Bruder. Dabei sagt unser Rassestandard: gutmütig UND
lebhaft. Von lahm und gemächlich hat der Kennel Club nichts
erwähnt. Was? Bisschen anschieben soll ich? Bitte, schieb ich dich
eben bisschen an. Wo war ich? Ach ja, zweitens. Zweitens hättest
du dir in den letzten Wochen ruhig etwas Allgemeinbildung verschaffen
können. Fachliteratur und so. Dann wüsstest du, dass wir
längst fällig sind. Dreiundsechzig Tage, da wird es dann aber
langsam auch Zeit. Mamma hat schon seit Stunden ihre
Eröffnungswehen und kratzt den ganzen Wohnzimmerteppich kurz und
klein. – Keine Zeit gehabt für Fortbildung! Ach so. Die
anstrengende Wanderung durch den Eileiter zur Gebärmutter, die
Nidation, lethargisch durch das traurige Isoliertsein in der
Einzelfruchtkammer! Ach ja. Und so klein! Erst erbsengroß nach
vier Wochen. O, du armer armer Tibet Terrier. Jetzt hilf doch mal mit,
Mann. Lässt mich hier mutterseelenallein schieben und schubsen.
Dabei bin ich die Kleinste im ganzen Wurf.
Eins stimmt allerdings: Die ganzen Wochen allein in dieser
Fruchtkammer, mit den anderen nur durch Klopfzeichen verbunden, das war
voll die Langeweile. Deshalb will ich ja hier raus! Pass auf, jetzt
kommt ne Biegung, da am Gebärmutterhals, dann geht es in die
Scheide, ab da wird es leichter.
Boh, ich bin ja so gespannt. Gegenüber, in dem anderen
Gebärmutterhorn – und IST das nicht ein doofes Wort? – die haben
signalisiert, sie sind auch zu zweit, ein Bubi und ein Mädchen.
Los, Hombre, da draußen wartet das pralle Leben. Hups, ist er
raus, der Pfropfen. Und jetzt ich wie nix hinterher, bevor mich die
beiden Blondies von nebenan abdrängen. Die sagen ja, da
draußen fließen Milch und Honig, und wenn man erst mal die
Augen aufhat, gibt es Fleisch und Nudeln vom Feinsten, und
Tulpenzwiebeln und Tennisbälle. – Fii, was leckt mich da? Mamma,
bist du das? Tara, sagst du? Ich bin Tara? Nein, Mamma, das brauchst du
mir nicht zu erklären, ich hab mich doch gebildet in dem
Uterushorn da. Tara, das ist eine Sternengöttin, tibetisch
natürlich, mit positiver Bedeutung, versteht sich. Also, Leute:
Hier kommt Tara. A Star Is Born.
|
|
 |
 |
|
|  |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
 |
|
 |
 |
Gerade noch auszuhalten
Nicht, dass ich mich beklagen wollte. Wir Tibeter sind bekanntlich von
Haus aus geduldig und duldsam. Aber eins muss mal gesagt werden: wenn
du als kleine Tibeterin dein Rudel auf Trab bringen willst, hast du gut
zu tun. Ich purzelte in die Welt, dachte an nichts Böses, immerhin
hatten sie mich mit den großmäuligsten Versprechungen
hierher gelockt. Und was war? Ja, was? Vom Paradies mit Milch und Honig
blieben ein Gefängnis namens Wurfkiste und Milch, Milch und wieder
Milch, und um die sollte ich mich noch mit den anderen kloppen. So
haben wir nicht gewettet, dachte ich, und habe lautstark nach meiner
Leberwurst verlangt. Aber die Jungs aus meinem Wurf meinten, ich solle
bloß ruhig sein, sonst müssten wir womöglich noch
zurück in das blöde Uterushorn. Die beiden Jungs, wissen Sie,
waren ein bisschen hinterher geblieben in ihrer Entwicklung. Wir haben
uns dann um sie gekümmert, meine blonde Schwester und ich.
Das war übrigens die einzig angenehme Veränderung, dass wir
jetzt zusammen waren und kuscheln konnten. Oder Wettlauf machen, wer
schneller an Mammas Nippel ist, oder ausprobieren, wer stärker ist
und den Kopf oben behält beim Kontaktliegen. Oder wer sich besser
hinter Mamma verstecken kann. Am besten, wenn man dann ganz laut
brüllt, dann kommt Sibylle und ist furchtbar erschrocken. Sibylle
zu konditionieren, ging ganz leicht. Sie hat den Quatsch, Welpen seien
am Anfang taub und blind und dumm und gefühlsunfähig, nicht
einen Augenblick geglaubt, hat uns zugetextet und ständig eite
eite gemacht, am liebsten hätte sie uns, glaube ich, selbst die
Brust gegeben, aber das wäre ja wohl brotlose Kunst. Jedenfalls
hat sie sich mehr als wir auf den Tag gefreut, an dem es zum ersten Mal
Leberwurst aufs Näschen gab. Das war der Tag, an dem ich anfing,
die Welt etwas ansprechender zu finden.
Einfacher wurde sie aber nicht. Alle 50 Gramm wurden wir neu drapiert
und fotografiert, das heißt, wenn sie Thingge finden konnten, der
sich zum Schmusen meist unter Mammas Ohren versteckt hielt. Und wenn
der alberne T’oung nicht wieder mal versuchte, in den Fotoapparat zu
beißen. Timira und ich, wir haben ihm wieder und wieder
erklären müssen, dass man die Dinger nicht essen kann, auch
wenn da vorne ein Vögelchen heraus kommt.
Dann kamen die Menschen. Die Bekannten, die Verwandten, die Nachbarn,
die Kaufwilligen. Ich glaube, sie haben wildfremde Leute von der
Straße geholt, nur damit sie vor unserem Laufstall stehen, mit
den Ohren wackeln und achsinddiiiieabersüüüüß
sagen konnten. Also, beeindruckt hat mich die Spezies Mensch in jenen
Tagen nicht, das können Sie mir glauben. Und dann durfte man dies
nicht tun und jenes nicht machen. Keine schön tiefen
Buddellöcher, um Thingge zu versenken, nicht vom Stuhl auf den
Tisch hüpfen und zurück schon gar nicht, nicht in den Teich
springen. Und was die Menschen für einen Bohei um ihre Wohnung
machen! Der reinste Globalfetischismus. Keine Seechen darfst du machen,
nicht den Teppich aufribbeln, nicht nachsehen, was im Abfalleimer ist,
die Zeitung nicht lesen und überhaupt nichts, was Spaß
macht. Dafür sollst du Sitz machen und dir die Fußnägel
schneiden lassen. Davon hat natürlich keiner was gesagt, als ich
noch in Mammas Bauch saß. Sowas sagen die einem ja nie.
Und dann die Verwandtschaft! Mamma, die sich aufspielt wie Napoleon,
nur weil sie die Familienschönheit ist. Tante Tchika, die uns
dauernd die Kauknochen klaut und gemeinsam mit Mamma Erziehung
praktiziert, dass uns Hören und Sehen vergeht. Ja, und dann halten
wir uns unseren eigenen Rüden. Mamma sagt, wenn ich groß bin
dann muss ich von dem die Finger lassen, sie ist der Rudelführer
und das ist ihr Rüde. Na, das werden wir dann ja sehen!
|
 |
|
|
|  |
|
|
|
|
|
|
|
 |
|
 |
|
 |
Verhaltensforschung
So ein richtig träger Sonntagnachmittag. Einer von der Sorte, wie
wir sie uns selten gönnen. Still und friedlich, gedeckte Farben,
gedämpfte Töne, kein Radio, kein Telefon, und die
Bügelwäsche kann warten. Irgendwie fast nicht wahr. Halb
weggeduselt kuschele ich im Großmuttersessel, das Buch mit dem
beziehungsreichen Titel „Alter und Weisheit im Märchen“ dekoriert
die Armlehne, der Schoß ist voller Weiß-Creme namens
Tchika. Auf meinen Füßen hat es sich Thaj bequem gemacht,
der hauseigene Rüde, daneben wartet Schessa darauf, dass der
Schoßplatz frei wird; Amrita breitet sich auf dem Chefsessel vom
Leithund aus, wie immer bereit, irgendein Leckerchen zu verteidigen.
Kommt aber keiner, denn auch Tyonka und ihre Tochter Tara dösen
hinter in der Ecke auf ihren Knibbelknochen.
So viel Ruhe war nie!
„Weißt du, Mamma“, quengelt Schessa von unten herauf, „etwas
stimmt nicht mit deinem Mutterinstinkt; der müsste dir eigentlich
signalisieren, dass du nicht den besten Platz da oben belegen kannst,
während dein eigen Fleisch und Blut hier unten auf den kalten
Fliesen liegen muss; du hast schließlich eine
Fürsorgepflicht zu erfüllen.“
„Von wegen Fürsorgepflicht“, murmelt Mamma Tchika schläfrig
„erstens haben wir eine Fußbodenheizung und zweitens bist du mit
deinen anderthalb Jahren längst erwachsen, das kannst du in jedem
Buch nachlesen. Sämtliche Verhaltensforscher für Caniden
werden dir bestätigen, dass ich dich schon mit sechs bis acht
Wochen abgenippelt und in die weite Welt entlassen habe. Tochter hin,
Tochter her, für mich bis du Teil des Rudels wie jede andere auch.“
„Und das aus deinem Munde! Bei dem Begrüßungstanz, den ihr
regelmäßig hinlegt, wenn ihr euch mal nur eine halbe Stunde
nicht gesehen habt. Und wenn ihr Rücken an Rücken euer
Mittagsnickerchen haltet, kann man euch direkt schnurren hören.“
Amrita mischt sich in das Gespräch ein, was ihr, legt man die
klassische Schulmeinung zugrunde, eigentlich nicht zusteht. Amrita ist
nämlich die jüngste im Rudel und müsste, wenn bei uns
alles seine Ordnung hätte, jetzt von ihrer Großtante Tchika
kräftig eins auf die Schnauze kriegen. Aber genau hier greift das
Phänomen, das mich als Halterin eines Familienrudels
einigermaßen ratlos zurücklässt. Meine Hundefamilie
benimmt sich nämlich nicht so, wie es im Buche steht. Amrita zum
Beispiel kann sich einiges herausnehmen, denn sie hat die
Rückendeckung von Tyonka und die ist immerhin Rudelführer und
ihrer Enkelin – und nur ihrer Enkelin – gegenüber von
verblüffender Nachgiebigkeit.
„Wo die Kleine Recht hat, hat sie Recht.“ Tara ist wach geworden. „Wenn
eine hier auf Familie macht, dann doch wohl du.“ Tara muss das wissen,
sie hatte zwei Mütter von dem Tag an, an dem sie ihre Augen
aufmachte und aus der Wurfkiste plumpste. Ich glaube, Tara ist bis
heute nicht ganz sicher, welche unserer beiden Blondinen sie aus dem
Bauch gepresst hat. „Weißt du, noch, Tante Tchika, wie du damals,
als ich klein war, bei meiner Mamma angenippelt und von der Muttermilch
probiert hast?“ Tchika wird ein bisschen verlegen; sie nascht zu und zu
gerne, lässt sich aber nicht gern auf ihr kleines Laster
ansprechen.
„Jedenfalls“, fährt Tara fort, „ist es, das kann nicht oft genug
betont werden, ein grundlegender Fehler, vom Hunderudel als solchem zu
sprechen. Da tut alle Welt so, als ob es eine direkte Linie gibt vom
vorzeitlichen Wolfsrudel zum modernen Haushund. Beim Menschen käme
man nicht einmal auf die Idee. Man stelle sich vor: unser Wissen, oder
besser, unsere Vermutungen über Steinzeitmenschen, verifiziert am
Sozialverhalten der Yanomani oder der australischen Aborigines, in
nahtlose Verbindung gesetzt mit den Kommunikationsmustern des Bewohners
der Düsseldorfer Innenstadt. Ja, da weiß jeder, das ist
absurd. Bei den Hunden aber machen sie genau das. Sie tun so, als
wüssten sie ernsthaft etwas über das Rudelverhalten unserer
Vorfahren zu der Zeit, als sie sich dem Menschen anschlossen oder
zwangsdomestiziert wurden, wer weiß das schon, und sie beobachten
Wolf- und Wildhunderudel, bestenfalls schauen sie noch bei den
großen Außenzwingern der professionellen Hundezüchter
vorbei, packen alles in einen Topf, rühren es kräftig um,
ziehen die direkte Linie von der Vorzeithöhle zum Penthouse und
nennen das ganze vergleichende Verhaltensforschung am Haushund. Und
weil sie in dem Kuddelmuddel die Tochter nicht mehr von der Nichte
unterscheiden können meinen sie, Tchika kann das auch nicht.“
„Meine Tochter!“ Tyonka ist zwei Zentimeter größer geworden
vor Stolz. „Die Verhaltensforscher sagen ja, Kinder werden klüger
und aufgeweckter, wenn man bereits im Mutterleib mit ihnen spricht, und
an meiner Tara könnt ihr sehen, dass das stimmt. Sie wusste schon
im Uterushorn, worauf es ankommt. Ihr solltet erstmal hören, wenn
sie über das Paarungsverhalten männlicher Canis Familiaris
referiert.“
Thaj meldet sich zu Wort: „Ich meine ja ...“ – „Du bist still!“ bellen
fünf Hündinnen einstimmig: „Du bist nur der Rüde, du
hast nichts zu meinen!“
|
|
|
|
| wird fortgesetzt... |
|
|
|
|
|  |
|