MärchenLandHaus - Sag Du doch auch mal was!
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Sibylle Renardy-Platen
Goethe den Rezitatoren – mir den Faust Vom Erzählen in der Wirklichkeit
Im Anfang war das Wort. Sagen die einen. So steht es in der Bibel. Im Anfang war der Klang, sagen die anderen. Nyambe, der Schöpfergott der Bantu, schuf alles Wesen aus den Klängen seiner Sanza, und er tanzte und sang dabei. Einigen könnten wir uns darauf, dass Singen und Erzählen die ältesten Kulturtechniken der Menschheit sind. Erzählen und singen kannst du aus dir heraus, ohne jedes Hilfsmittel, (fast) ohne Vorkenntnis. Fürs Malen brauchst du bereits Material und Werkzeug, fürs Schreiben und Lesen dazu die gruppenverbindliche Sprache und einen vereinbarten abstrahierenden Zeichenvorrat. - Warte mal: Musst du nicht Wörter können, um zu erzählen, musst du nicht Töne kennen, um sie zu singen? Nein, musst du nicht. Mit Lallen und Quieken und etwas unbewusster Mimik und Gestik können sich Babies ganz wunderbar verständlich machen und uns fast alles erzählen.
Erzählen tut jeder. Und wenn er das nicht kann, dann verkümmert er. Siehe Kaspar Hauser. Selbst Tarzan hat mehrere Sprachen gesprochen und von der Liane herunter den Gefährten von Freuden und Gefahren des Urwalds berichtet. Dazu verfügte er über das, was die Wissenschaftler „kulturübergreifende Emotionscodes“ nennen: „Ich Tarzan – du Jane“ dürfte bis heute eine der differenziertesten Geschichten sein, die Mann und Frau einander zu erzählen haben.
Soweit das Erzählen im - weit gefasst - Beuysschen Sinne. Nun haben die wenigsten von uns jemanden im Bekanntenkreis, den sie als „Erzähler“ bezeichnen würden (und wenn, dann geht es meist um Witze oder um einen großen Quatschkopf, aber das ist eine andere Geschichte). Und wer versucht, nur schon eine Alltagsbegebenheit einem Menschen zu erzählen, der die besonderen Umstände nicht kennt, in denen die Geschichte spielt, der weiß, wie kompliziert das ist. Also: noch lange nicht jeder, der etwas erzählt, ist ein Erzähler. Richtig? Richtig. Irgendwie, wir ahnen es, ist Erzählen ein Lernberuf und hat auch mit Kunst zu tun.
Es werden zehn Jahre, dass ich öffentlich Märchen erzähle. Märchen und gerne auch mal andere Geschichten, zum Beispiel aus der klassischen Mythologie oder aus dem Geschichtenvorrat meiner Gegend. So weit so gut. Aber was ist das – Märchenerzählerin? Im Berufskatalog der Agentur für Arbeit – weiß ich aus Erfahrung – kommt der Begriff nicht vor.
An dieser Stelle müsste ich alles auseinanderdröseln (oder ausklammern), was mein Erzählen indirekt bestimmt und mit Märchen unmittelbar nichts zu tun hat. Die Romane, Filme, Opern und Kasperlspiele und vieles andere. Das Nonverbale Erzählen vor allem, in seinen vielen Spielarten – nur ein Teil der Information wird über den Inhalt des gesprochenen Wortes aufgenommen, vieles geht über Gestus, Duktus, Habitus, sagen die Kommunikationsexperten und ich finde es beim mehrsprachigen Erzählen immer wieder bestätigt. Und ich müsste operational trennen zwischen den beiden Komponenten, die für mich nicht zu trennen sind: Märchen / erzählen. Weil dies hier aber zunächst nicht wissenschaftliche Arbeit ist, sondern Erzählergebnis und Anstoß zum fruchtbaren Streiten, hängt alles an allem. Alt und modern, grausam und idyllisch, wahr und fiktiv: wie das Leben, so das Märchen
Märchenerzähler: klingt irgendwie altmodisch, freundlich, plüschig, ungefährlich. Traulich. Und es weckt den Wunsch nach Erinnerungen an die „alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat.“ Beim Stichwort Märchen zünden die Menschen Kerzen an, packen ihre Blockflöten aus, stimmen die Laute und stellen mir einen Lehnstuhl hin, in dem mir die Luft wegbleibt. Märchen zum Zurücklehnen. Variante I.
Variante II: „Nun wein doch nicht, ist ja alles gar nicht wahr, ist doch nur Märchen“, hörte ich (noch dazu in Rheine) einen Vater sein Kind trösten, das angesichts eines arg gegenständlichen Rumpelstilzchens zu brüllen begonnen hatte.
Variante III: In einem Kindergarten verbot man mir, das Märchen vom Riesen Sieben-Mensch zu erzählen. Der heißt so, weil er täglich zum Frühstück sieben Menschen verputzt. – Zu grausam und gefährlich für kleine Kinder, war die Diagnose.
Ja, was denn nun:
Dann
gibt es noch Variante IV, die ist eher für Experten. Da fallen
Worte wie Geheimnis, heilende Wirkung, Chiffre, Kraft für den
Lebensweg, Anker der Phantasie in grauer Realität, Erzähler
als Gefäß, christlicher Geist und Nahrung für die
Seele. Kommt später. Märchen erzählen vom Leben
„Es war einmal ein armes kleines Mädchen, das lebte mit seiner Mutter allein, und sie hatten nichts mehr zu essen.“ „Es war einmal ein Mann, der hatte drei Söhne, und die Frau trug das vierte Kind unter ihrem Herzen.“ „Es war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne Tochter.“ So oder so ähnlich fangen viele Märchen an. Ganz und gar nicht geheimnisvoll, in nackter, oft rauer Wirklichkeit. Einer Wirklichkeit, die dem Zuhörer bekannt vorkommt, unter der er sich etwas vorstellen kann, die ihn oft genug an etwas erinnert. Und so bekannt geht das auch weiter: Ich will es jemandem besonders recht machen, jemandem, der nicht viel von mir hält, und so verkrampft, wie ich bin, geht die Sache besonders gründlich daneben - das kennen nicht nur die sieben Rabenbrüder. Oder: Da habe ich etwas begonnen, ohne mir über die Dimensionen im Klaren zu sein, und jetzt steh ich da und das ganze wächst mir buchstäblich über den Kopf, wie dem Zauberlehrling oder der Mutter im Süßen Brei.
Märchen erzählen von dem, was wir kennen. Sie handeln von den Knackpunkten des Lebens, von der Geburt und vom Sterben, vom Kindsein und Erwachsenwerden, vom Gewinnen und Verlieren, von Glück und Trauer, von Hochzeit und Abschied. Von Lebenswegen. In der Regel muss sich auf den Weg machen, wer ein Märchen erleben will.
Märchen, wenn sie denn einen Sinn haben in unserem Leben, handeln von unserem Leben. Und davon, wie die Menschen es von je her bewältigt haben. In jedem Alter, in allen Lebenslagen, zu allen Zeiten, in allen Kulturen. Deshalb erzähle ich sie weiter. Nicht, um das Gewesene, sondern um das Lebende zu beschreiben, nicht zum Vermächtnis, wohl aber zum Weitertragen; in diesem Sinne bin ich als Märchenerzählerin Teil des kollektiven kulturellen Gedächtnisses, das wir als immaterielles Erbe in uns haben. Das selbstverständliche Wunder inklusive, auch das gehört zum Leben.
Klar, Märchen sind auch Literatur. Es ist der neueren Forschung und besonders Prof. Rölleke zu danken, dass die Brüder Grimm in Bezug auf die „alten Zeiten“ mittlerweile ein wenig entzaubert und dem Reich der Literatur etwas näher gerückt sind. Die Sprache und Bilderwelt der Brüder Grimm ist und bleibt vermutlich stilbildend für das, was Deutsche (und Westeuropäer?) als märchentypisch empfinden, doch wissen wir, dass die Brüder das Erzählen ihren literarischen Zielen durchaus unterordneten. Und, was Märchenpuristen oft nicht für erwähnenswert halten, auch ihren politischen Zielen. Wenn man es wissen will, kann man wissen, woran die Königin denkt, wenn sie mitten in einem kalten Vormärzwinter am offenen Fenster sitzt und stickt und sich ein Kind wünscht, rot und weiß und schwarz. – Auf die Märchensprache komme ich noch zu sprechen. Nur so viel vielleicht: die spanische, englische und niederländische Version des Sterntalermärchens kommen ganz prima ohne Leibchen aus.
Klar,
Märchen sind auch vielschichtig. Märchenmotive sind
Chiffren, meinetwegen. „Haus“ steht für XX oder auch für
YY, in den Wald gehe ich hinein, um mich zu verlieren oder mich zu
suchen oder zu finden, je nachdem. Die Sibylle in mir will um diese
Zusammenhänge wissen, will alles herleiten und verstehen und
interpretieren. Als Historikerin, die ich auch bin, interessiert mich
alles rund um die Geschichte, wie sie entstanden ist und wo, welche
Varianten es gibt, welche Motive oder Motivwechsel und ich weiß
nicht was. Mein literarisches Ich interessiert sich brennend für
Alliteration, Dreizahl und Achtergewicht. Aber wenn ich erzähle,
ist ein Haus ein Haus und ein Wald ein Wald. Sobald ich erzähle,
interessiert mich der Plot, die Handlung, der rote Faden, die
Geschichte in ihrem Ablauf: wer?was?wann?wie?wo?warum? Und der, dem
ich die Geschichte erzähle. Y Basta! „ Willst du wissen, ob es geschehen ist, oder willst du wissen, ob es wahr ist? “ (in einem Aufsatz von Peter Bichsel gefunden)
„Trage weiter, was dir geschenkt wurde. Das Märchen habe ich nicht gemacht, mir nicht ausgedacht, es wurde mir ‚jungfräulich’ geschenkt, aber ich muss es wie eine Mutter in mir wachsen lassen, unter meinem Herzen, und es dann zur Welt bringen, damit es lebt.“ Sagt der Präsident der Europäischen Märchengesellschaft, die das Volksgut Märchen pflegt. Ich halte das für, pardon, mädchenhaftes Denken. Kein Märchen, keine Geschichte ist jungfräulich auf uns gekommen, jedes Märchen, jede Geschichte hat ein Vorleben. Jede Geschichte transportiert eine Botschaft, und da ist einer, der sie aussendet, und mindestens ein anderer, der sie empfangen soll. Manche, die ganz besonderen vielleicht, waren „sanktionierte und kodifizierte“ Tradition, und man täusche sich nicht, in diesem Sinne waren sie hochpolitisch und immer systemstabilisierend beziehungsweise anspruchlegitimierend oder doch wenigstens moralpredigend. Weitertragen dient immer einem Zweck, und da, wo es angestellte Sänger und Barden gab, da sangen sie das Lied ihrer Herren und zwar in der Fassung, die diese hören und verbreiten wollten. Die Geschichten waren Instrument und wurden instrumentalisiert und in eine jeweils opportune oder publikumswirksame Fassung gebracht. Wenn die Geschichten geschafft haben, in ihrem Kern zu überleben und bis zu uns zu kommen mit einem Plot, den wir als „gültig“ empfinden, haben sie eine Menge hinter sich gebracht, waren Ammen und Gouvernanten und Salondamen und Marketenderinnen und ziemlich zähe Matronen. Aber hilflos, harmlos und züchtig unter dem Herzen eines unbefleckten Erzählers? Was für ein Bild!
Dennoch sind sie wahr, aber ja doch. Sie haben ihre eigene Wirklichkeit, und sie leben von und in der Wirklichkeit, in der sie erzählt werden. Doch die Wirklichkeit der Märchen ist nicht idyllisch, jedenfalls nicht idyllischer als das Leben. In den alten Zeiten gab es Väter, die ihre Kinder nicht mochten, es gab Stiefmütter, die ihren leiblichen Kindern Vorteile verschafften, es gab „arme“ Handwerke wie den Köhler und „wohlhabende“ wie den Müller (meistens); es gab die gleichen Lebenssituationen und Konflikte wie heute. – Und sie sind auch nicht zuckersüß und per se glückverheißend. So oft, wie es suggeriert wird, hat man im Märchen übrigens nicht drei Wünsche frei. Eher hat man drei Chancen. Und die muss man nutzen, man muss etwas tun für sein Glück. Wir wissen schon, warum wir in Geschichten und Theaterstücken den Deus ex machina als unwirklich empfinden, als unwahr. Weil er es ist. Die Lösung, die Ablösung, die Erlösung des Menschen muss im Märchen und im Leben dem Menschen gelingen, und dafür muss er arbeiten und sich anstrengen. Nicht einmal der Dummling findet sein Glück ganz und gar im Schlaf. Er mag „Glück“ haben, er wird Helfer brauchen, natürliche und übernatürliche - selbst das Glückskind in seiner eigenen Haut darf sich nicht mit dem Teufel direkt einlassen und kommt ohne die Hilfe der Uralten nicht an des Teufels 3 goldene Haare -, aber seinen Job muss er schon selbst machen. Blut, Schweiß, Tränen, alles zu seiner Zeit. Nicht wahr?!
1. Exkurs: Märchen, zweckdienlich instrumentalisiert
Fragt man zehn Menschen nach dem Froschkönigmärchen, werden sich acht von ihnen zuverlässig daran erinnern, dass sich die Königstochter dem Willen des Vaters gebeugt und den Frosch recht zuckersüß geküsst hat. „In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat“ hat sich die Tochter aber nicht als Daddy’s Girl gezeigt. Sie hat auch mitnichten an dem Bild mitgewirkt, dass sich kleine Mädchen mit Küsschen für männliche Gefälligkeiten erkenntlich zeigen. Gut für den Frosch. Seine einzige Chance ist, dass sie sich dem Be-nice-don’t-shout-sit up straight-Klischee vom nice girl widersetzt. Sie hat ihn gegen die Wand getitscht, mit Schmackes. Hätte sie ihn gar lieblich geküsst, er wäre heute noch ein Frosch. Disney will das anders, und mit ihm eine erstaunliche Anzahl von Müttern, die ich gefragt habe und die ihre Töchter gerne in der mitleidvollen Küssende-Tochter-Rolle sähen. Und so wird aus einer Ablösungsgeschichte mit Tierbräutigam unversehens eine reaktionäre Verklärung des gehorsam-nachgiebigen Frauenbildes, das die westliche Welt zu Disneys Zeiten favorisierte. Das ist aber eine ganz andere Geschichte in einer ganz anderen Wirklichkeit, oder? Kamphövener und -innen
Märchenerzählen geschieht in der Wirklichkeit. Mit Globalisierung, Reisefreiheit und Migration verändert sich die Wirklichkeit, geht das Fremde in das Vertraute ein, kommt die Exotik der Geschichten immer näher und immer mehr abhanden, meine ich; denn Globalisierung findet nicht nur ökonomisch statt, sondern auch kulturell; die Geschichten kommen uns näher und nehmen Teil an uns. Damit meine ich nicht, dass Globalisierung alles gleich macht, wohl aber: ‚fremd’ definiert sich anders. Wir erfahren und erleben, was Menschen früher nur aus Erzählungen kannten. Deshalb könnten wir eigentlich beim Erzählen auf Gedöns und Chi-Chi und Tanzbären verzichten. Aber seltsam, die seriösen Menschen, die beim Stichwort „heimischer Karneval“ die Mundwinkel bis auf die Schultern herunterfallen lassen, können ihre Märchenstunden gar nicht orientalisch oder afrikanisch oder sonst wie ethnisch genug bekommen. Jedenfalls so, wie wir uns das vorstellen. In Swasiland bauen sie „Eingeborenen“hütten nach, damit die Touris darin auf dem Boden schlafen und sich wie Afrikaner fühlen, während die Dorfbewohner längst das provisorische Leben aufgegeben und die Klospülung schätzen gelernt haben (FR, 4.2.06: Im Bienenkorb wohnen nur noch Touristen). Neulich wurde in einer Fernsehsendung ein afrikanischer Djembéspieler gefragt, warum er erst mit knapp dreißig Jahren das Trommeln gelernt habe. Was hat er geantwortet? „In Kamerun bin ich in der Stadt groß geworden, da kannten wir keine Trommeln, nur Fußball, und das Trommeln habe ich gelernt, als ich später nach Deutschland kam.“ Schubladenchaos. Sch...globalisierung.
So sehe ich das: wenn ich auch ganz authentisch an einem afrikanischen Lagerfeuer säße und zu Trommelklang Märchen erzählte, so wäre und bliebe ich doch eine weiße Mitteleuropäerin, die rund ums Feuer bei den Trommeln sitzt und Märchen erzählt. Wenn ich das aber in meinem Wohnzimmer oder in der Stadtbibliothek tue, dann bin ich weiter nichts als eine weiße Mitteleuropäerin, die so tut, als säße sie bei den Trommeln rund ums Lagerfeuer und erzählte Eingeborenenmärchen. Abgesehen davon, dass ich meine Zuhörer schlecht zu „Eingeborenen“ machen kann. Auch unser Erzählen und Zuhören ist Teil des kulturellen Konsenses, in dem wir uns bewegen. Einmal ganz zu schweigen von Motivtransfer, Motivwanderung von Europa nach Afrika und wieder zurück, von der Art, wie sich in der Nachfolge des Herrn Frobenius der eine oder andere „Forschungsreisende“ Afrika zu Abziehbildchen formte und dabei selbst gelegentlich durch den Kakao gezogen wurde. „Ich bin kein Indianer“, sagt der Präsident und rehabilitiert sich auf das Eindrucksvollste. Märchen erzählen von Menschen
Nein, ich kann den Zauber Afrikas nicht beschwören und (auf)erstehen lassen. Die wenigen, die mit ihrer Person eine Brücke zwischen zwei Kulturen schlagen, wie etwa Rafik Schami, sind Ausnahme und nicht kopierbar. Und auch der versucht sich, soweit bekannt, selten an Eskimomärchen. ABER: Märchen erzählen von Menschen, von dem, was allen gemeinsam ist. Von Freude und Trauer, von Liebe, Hass, Furcht, Ekel ... Von dem, was Überleben sichert. Und von dem Wunsch, sich die Welt zu erklären. In diesem Sinne sind Märchen allgemeinmenschlich, gehen uns an, können und sollen weitergegeben werden, über alle Grenzen hinweg.
Eigentlich kann ich nicht glauben, dass die Existenz, die therapeutische und sinnstiftende Wirkung der Märchen und Volkserzählungen dieser Welt immer aufs Neue beschworen werden müssen. Sie sind im Leben, weil sie vom Leben erzählen. Sie werden wahr, während sie einer erzählt; sie geschehen, während ihnen einer zuhört. Hier und Jetzt. - Pathetische Worte? Kann sein. Immer noch besser, als Sargträger zu sein der alten Zeiten, die es so nie gab. Mein Märchen? Dein Märchen? Grimms Märchen?
Als der erste Mensch den ersten Schritt vor den anderen gesetzt hatte, hatte er auch schon eine Erfahrung gemacht. Und wer eine Erfahrung gemacht hat, der hat etwas zu erzählen. Und als er, nackt wie er war, den ersten Sonnenbrand abkriegte, fing er an, sich die Sache mit der Sonne zu erklären. Machte eine plausible Geschichte daraus und erzählte sie seinen Kindern.
Geschichten sind in der Welt, seit es Leben gibt. Sie werden wahr durch das Erzählen. Wem gehört eine Geschichte? Gehört das Kind der Mutter? Die Mutter dem Kind? Wem gehört des Kaisers Bart?
Kein Erzähler erzählt dieselbe Geschichte zweimal. Und erzählt, wenn er ERZÄHLER ist, nicht die Geschichten anderer Leute, sondern die seinen. Sie sind durch sein Herz gegangen. Und da sind wir angekommen bei der uferlosen Diskussion über angemessenes Erzählen.
Eine typisch deutsche Diskussion, übrigens. Ich arbeite oft mit niederländischen Kollegen zusammen, auf beiden Seiten der Grenze. Das Publikum dort ist gemischter als hierzulande, wo man stramm unterscheidet zwischen Kinderstunde und Abendprogramm, zwischen anspruchsvoll und unterhaltsam. Und wenn ich hier im Publikum Männer sehe, erkennbar unter sechzig Jahren, dann begrüße ich die auf Niederländisch. Und das niederländische Publikum erwartet, dass wir es vielfältig unterhalten. Da steht, ohne jedes Vor-Urteil, der Schwank direkt neben der Bibelerzählung, die Regionalsage neben dem Zaubermärchen, die Literaturbearbeitung neben der Spökenkiekerei. Der Schauspieler, der „klassische“ Erzähler, der Stand-up-Erzähler: alles ist „Erzählkunst“, und kein Mensch fragt: darf der das? Nur Auswendiggelerntes, vom Blatt Gesprochenes, das schätzen in den Niederlanden weder das Publikum noch die Erzähler. Ich verdanke ihnen viel. Vom Erzählen und der reproduktiven Phantasie
„Die Philologen in meinem Bekanntenkreis sagen immer: Du bist keine Erzählerin, du bist eine Rezitatorin“, klagte eine Kollegin. Fünf Jahre ist das jetzt her; ich habe spontan und lautstark protestiert. Aber er rumorte in mir, dieser Satz. Heute habe ich Grund, den Herren Philologen auf das herzlichste zu danken.
Zugegeben, wir sind nicht gerade eine mündliche Gesellschaft. Wenn es denn Zeiten gab, in denen in unseren Breitengraden Geschichten von Mund zu Mund gingen und so weiterlebten, dann sind diese lange vorbei. Die Märchen und Geschichten, die ich erzähle, sind sicherlich zu achtzig Prozent „erlesen“, nur der Rest ist „aufgeschnappt“, und auch den gibt es in der Regel irgendwo schriftlich. Das Repertoire der meisten Erzähler, die ich kenne, basiert auf Gedrucktem mehr als auf Gehörtem. Warum also nicht gleich vorlesen?
Vorlesen ist gut, sinnvoll und notwendig, keine Frage. Gelegentlich wurde auch ich gefragt, ob ich den einen oder anderen Text, das eine oder andere Kapitel vorlesen könne. Klar, dass ich ins Grübeln komme, wenn ich merke, mein Stand in den Stadtbüchereien wird schwieriger, seitdem dort Mode ist, dass ehrenamtliche Vorleserinnen aus den hauseigenen Beständen vorlesen. Klar, dass ich im Hans-Christian-Andersen-Jahr in Versuchung war, seine hochartifiziellen literarischen Märchen vorzulesen, teilweise für gutes Geld. Hab ich aber nicht und das aus zweierlei Gründen: Erstens weil ich nicht sehr geschäftstüchtig bin, leider; zweitens, weil mir die unmittelbare Kommunikation zwischen Erzähler und Zuhörer wichtig ist. Erzählen, sagte ich schon, kann man aus sich heraus, lesen und schreiben sind bereits abstrahierende Vorgänge. Der Vorleser und sein Zuhörer kommunizieren auf doppelte Weise vermittelt. Zum einen, weil buchstäblich etwas zwischen ihnen steht/liegt, zum anderen, weil der Vorleser fremde Erfahrung zum Ausdruck bringt, die eines anderen Menschen in dessen Sprache, ein für allemal und unabänderlich festgeschrieben, unabhängig vom Vorleser und unabhängig vom Publikum. Für mich hat Vorlesen immer auch etwas Belehrendes („ach, so sieht der das“), Erzählen dagegen ist gemeinsame Erfahrung („ach, so ist das“). Vom Erzählen und der reproduktiven Phantasie (Fortsetzung)
„Du wirst Märchenerzählerin? Richtig mit Stimme verstellen und so?“ wollte eine Freundin wissen, als ich mit meiner Ausbildung begann. Später fragten mich Veranstalter oft: „Haben Sie irgendeine Verkleidung? In welchem Outfit kommen Sie?“
In den Seminaren, die ich im Laufe der Jahre besucht habe, wurde und wird – ernsthaft und in heißem Bemühen, notabene! – über die angemessene Form des Erzählens gestritten. Und so unterschiedlich die Meinungen auch waren über das Was und Wie, fast einhellig war die Auffassung, dass sich der Erzähler auf eine schriftlich fixierte Grundlage zu stellen und diese zum Vortrage zu bringen habe.
Es sind, beobachte ich, drei wesentliche Gründe, die zu dieser Lehrmeinung führen – die unter den klassischen Märchenerzählern nach wie vor ganz vorne rangiert -, und sie haben alle drei zu tun mit der Achtung vor dem Text und vor dem Autor des Textes.
Pflegen ist ein Tuwort
Was die Grimms angeht, so sind ihre intensiven Textbearbeitungen und ihre literarischen Ambitionen inzwischen bekannt. Wilhelm hat sein ganzes Leben lang eine revidierte Ausgabe nach der anderen vorgelegt, es darf gewettet werden, was er täte, ließe ihn der Himmel noch einmal für zwei Jährchen ins menschliche Leben hinaus. Ich bin nicht sicher, ob diejenigen, die das Volksgut Märchen pflegen, indem sie seine Ausgabe letzter Hand getreulich bei sich führen, nicht auch in seinen Augen einen gläsernen Sarg tragen und die Asche der Erzähltheorie darauf häufeln, von der man nie weiß, ist sie Dünger oder Zuschütten. Pflegen ist ein Tuwort!
Mal so gesagt: Seit einem geschlagenen Vierteljahrhundert beten wir es Herrn Bettelheim nach und können es mittlerweile singen, vorwärts und rückwärts: Kinder brauchen Märchen. So weit so gut. Aber wo steht geschrieben, dass sie sie in der Fassung von 1857 brauchen?
Dass die Grimmschen Märchenbilder und ihre Sprache und ihr Rhythmus unsere Vorstellung prägen von dem, was ein Märchen ist, wird stimmen. Nichts gegen Märchensprache, aber wir wollen doch auch verstanden werden, nicht wahr? Es ist eine Gratwanderung mit der Sprache. Ist „sie feierten eine Hochzeit, die sich gewaschen hat“ noch märchenangemessene Sprache, ist „sie ward ganz bleich“ unabdingbare Märchensprache, ist „aus der Maßen wohl“ tatsächlich mehr als ein Insiderspielchen? Muss sich „Arbeit“ im Märchen immer noch einschränken auf den Bereich „altes Handwerk“, und muss die Sprache unbedingt die Haspel, den Blasebalg, den Amboss und die Esse konservieren? Gerade, was den Begriff der „Arbeit“ angeht, definiert sich diese heute möglicherweise in anderen Bildern als vor zweihundert Jahren, und ich spreche dabei nicht von „Chiffren“. Die Mär vom Textgetreuen Erzählen
I. Im Namen Allahs des Erbarmenden Erbarmungsreichen! Preis sei Allah - Dem wohltätigen König - Dem Schöpfer des Alls - Dem Herrn der drei Welten - Der die Himmelsfeste errichtete ohne Pfeiler - Und hinbreitete die Erde als wie ein Bett - Und Dank und Segnung des Gebetes unserem Herrn Mohammed - Dem Meister der apostolischen Menschen - Und all den seinen und seinem Anhang - Gebet und dauernde Segnung und Dank, der Bleiben soll bis zum Tage des Gerichtes - Amen! O Du der drei Welten Herrscher! Und immerdar. Wahrlich, die Worte und Werke derer, die vor uns dahingegangen sind, wurden Beispiel und Richtschnur für Menschen unserer heutigen Tage, auf daß sie sehen, welche belehrenden Geschicke anderen auferlegt wurden, und sie sich als Warnung dienen lassen; und damit sie die Annalen alter Völker lesen und alles, was ihnen zufiel, und sich danach richten und sich im Zaume halten: Preis also ihm, der die Geschichten der Vergangenheit zu einer Warnung machte der Gegenwart!
II. Preis sei Allah, dem Herrn der Welten! Segen und Heil dem Herrn der Gottesgesandten, unserem Herrn und Meister, Mohammed – Gott segne ihn und gebe ihm Heil! – Segen und Heil, die bleiben sollen immerdar bis zum Tage des Gerichts. Nun siehe, das Leben der Alten ward zur Richtschnur für die Späteren, auf daß der Mensch die Geschicke sehe, die anderen zuteil geworden sind, und sie sich zur Warnung dienen lasse, auf daß er die Geschichte der vergangenen Völker und was ihnen widerfahren ist, betrachte und sich im Zaume halte. Lob ihm, der die Geschichte der Alten zum warnenden Beispiel für die späteren Geschlechter gemacht hat!
III. Bei dem Namen Gottes, des Gnädigen und Barmherzigen, Friede und Heil über unsern Herrn Mohammed, den Obersten der Gesandten Gottes, auch über seine Familie und Gefährten insgesamt; Friede und Heil immer fortdauernd bis zum Tage des Gerichts. Amen, o Herr der Welten! Das Leben der Früheren ist eine Lehre für die Spätern, dazu daß der Mensch die Lehren, welche andern zu teil geworden sind, schaue und sich daran belehre, und die Geschichte der ältern Völker lese und sich daraus unterrichte. Gelobt sei Gott, der die Begebenheiten der Früheren als Unterricht für Spätere aufgestellt hat.
IV. „Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen! Lob sei Gott, dem Herrn der Welt, und Segen und Heil über den Herrn der Gottesgesandten, unsern Herrn und Meister Mohammed, und über sein Haus! Segen und Heil ewig und immerdar bis zum Tag des Gerichts! Das Leben der Früheren gereicht den Späteren zu einer Lehre, auf daß der Mensch die Lehren, welche andern zuteil geworden sind, schaue und beherzige, daß er die Geschichte der vergangenen Völker und ihre Erlebnisse studiere und sich warnen lasse. Preis darum Ihm, der die Geschichte der Früheren für spätere Geschlechter zum Exempel aufgestellt hat!
V. Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen. Auf ihn traue ich. Lob sei Gott, dem gütigen König, Schöpfer aller Kreatur und aller Menschen, der den Himmel aufgespannt hat ohne Säulen und die Erde ausgebreitet hat als Lagerstätte, der die Berge zu Pflöcken gemacht hat und Wasser quellen ließ aus dem leblosen Feld, der die Völker von Thamud, Ad und Pharao, des ‚Herrn der Pflöcke’, zugrunde richtete. Ihn lobe ich, Ihn, den Erhabenen, für Seine rechte Leitung, die Er uns erwiesen hat, und danke Ihm für Seine Wohltaten, die nicht in Zahlen zu ermessen sind. Unserem großzügigen, hochgebildeten und vornehmen Publikum sei hiermit kundgetan, daß dieses köstliche und sehnlich erwartete Buch mit der Absicht geschrieben wurde, einem jeden nützlich zu sein, der darin liest. Hierzu finden sich höchst lehrreiche Lebensgeschichten, dazu wunderbare Gedanken für Menschen von hoher Bildung. Man kann die Kunst der Rede aus ihnen ebenso lernen wie eine lückenlose Geschichte der Könige seit dem Anbeginn der Zeiten. Ich habe es ‚Das Buch von Tausendundeiner Nacht’ genannt. Dieses Buch erzählt auch prachtvolle Lebensgeschichten, durch die jeder, der sie hört, Menschenkenntnis erwirbt, so daß ihn keine Hinterlist mehr treffen kann. Darüber hinaus wird dem Zuhörer Erholung und Freude zuteil in Zeiten des Kummers über die Zeitläufte, die zu bösen Taten verführen wollen, doch Gott, der Erhabene, leitet uns auf die rechte Bahn.
VI. Im Namen Gottes, des Gütigen und Gnädigen, Friede sei mit unserem Herrn Mohammed, dem höchsten Gesandten Gottes, und über seiner Familie und seinen Freunden; Friede sei mit ihnen bis zum jüngsten Tage! Die Geschicke der Früheren seien eine Lehre den Kommenden, damit sie daraus lernen und in der Vergangenheit fleißig lesen mögen. In diesen Erzählungen, die „Tausend und eine Nacht“ genannt sind, soll euch Belehrung und Weisung gegeben sein. So nämlich wird von dem berichtet, was sich ehemals bei den Völkern zugetragen hat.
Das ist die Eingangsformel zu der Geschichtensammlung, die wir unter dem Begriff „Märchen aus tausendundeiner Nacht“ kennen. Sechs Versionen, sechs Übersetzungen, sechs Interpretationen. Ich könnte ähnliche Vergleiche bereitstellen für Übersetzungen aus dem Werk Shakespeares, für Übersetzungen der Grimmschen Märchen in andere Sprachen, für Übersetzungen fremder Märchen in unsere Sprache. Allen gemeinsam wäre die Frage: ja, was ist denn nun textgetreu? Bei den vorstehenden Übersetzungen/Übertragungen (Quellenangaben am Ende dieses Kapitels) ist das eine nicht wie das andere. Sogar die „Original“fassungen, aus denen übertragen wird, sind unterschiedlich; die Zeit, in der die Übersetzung entstand, der Bildungshintergrund des Übersetzers und der Anspruch an die „Zielgruppe“ spielen eine Rolle, und nicht zu knapp. In allen Fällen aber sind die Grundlagengeschichten und die Übersetzungen schriftliche, sind Buchfassungen. Aus der Übersetzung Nr. VI geht geradezu hervor, dass die Geschichten niedergeschrieben wurden, um gelesen zu werden. Die Manuskripte, die die Forscher kennen, sind zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten in verschiedenen Sprachen mit unterschiedlichem Inhalt aufgetaucht. Und wir wissen inzwischen auch, dass einige der bekanntesten Geschichten zwar angeblich aus mündlicher Überlieferung stammen, aber doch aufgeschrieben nach den Notizen eines Zuhörers in einer Sprache, die nicht seine Muttersprache war.
Und selbst wenn es nicht so kompliziert ist wie bei den 1001 Nächten. Wenn es nur eine Geschichte, nur ein Märchen gibt, nur eine Erzählung, nur eine Übersetzung. Selbst dann ist nix fix.
Zum Beispiel: nicht jeder Erzähler, der eine gute Geschichte erzählt hat, war ein guter Erzähler. Und die wenigsten haben die ultimative Erzählung abliefern wollen. Manche bringen eine Menge Lokalkolorit in ihre Geschichten hinein, die an anderen Orten womöglich nicht oder falsch verstanden werden. Ich erinnere mich mit einiger Zurückhaltung an die Erzählung eines orientalischen Märchens, die immer wieder unterbrochen wurde durch ein: „Ja, ja, so sind sie, die Zigeuner“, weil das nämlich im Buch so stand. Manche Erzähler bringen die Reihenfolge der Ereignisse durcheinander oder vergessen Einzelheiten oder erzählen für die Galerie und schmücken sich und die Geschichte. Und? Muss ich das jetzt jedes Mal haargenau so nachvollziehen, nur weil der das einmal so gemacht hat, als gerade ein Feldforscher mitschrieb? Was, wenn er ihm die Geschichte nur deshalb mit immer den gleichen Worten erzählt hat, weil er besorgt war, der arme Kerl könne sonst mit dem Stenographieren nicht nachkommen?
Zum Beispiel: Sprache ist lebendig und verändert sich. Natürlich kann ich auch heute noch im Märchen „Dirnen“ und „Freier“ auftreten lassen, nur darf ich mich dann nicht beschweren, wenn sich schon acht- bis zehnjährige Jungs vielsagend angrinsen und glatt verpassen, wie die Geschichte weitergeht. – Wenn ich Kinder bitte, das Märchen vom süßen Brei nachzuerzählen, dann fehlt garantiert nicht der Satz: Auf eine Zeit war das Kind ausgegangen. Ob das wohl an dem Reiz der altertümlichen Formulierung liegt? Knapp daneben. Wenn ich das malen lasse, ist das Mädchen fein geschminkt und herausgeputzt zum Moonlightshopping, zum „Ausgehen“ halt. Und? Muss ich auf alle Zeiten das beibehalten, was Wilhelm womöglich längst gestrichen hätte, und dabei das Risiko eingehen, gründlich missverstanden zu werden?
Zum Beispiel: Manche Übersetzung vergewaltigt die deutsche Sprache; manche Übersetzung missversteht den Sinn der Geschichte; mancher Zuhörer oder Übersetzer vertut sich. Vor Jahren erlebte ich in einer Sportstudiosendung, wie argentinische Fußballspieler nach einem guten Spiel gegen die deutsche Mannschaft gefragt wurden, warum sie so erfolgreich gewesen waren. Einer der Spieler antwortete begütigend und höflich, es habe wohl auch an den Verletzungen mehrerer deutscher Spieler gelegen, an den „lesiones“ – der Simultanübersetzer verstand „lecciones“ und übersetzte: Mehrere deutsche Spieler haben ihre Lektion bekommen. Das Schweigen war rundherum betreten. Mal gut, dass das hinterher nirgendwo geschrieben stand, sonst würde der Stuss vielleicht noch heute wieder und wiedergekäut werden vor jedem Länderspiel.
Bei allem Respekt vor dieser Rücksicht auf die Arbeit und die Leistungen anderer Menschen ums Geschichtenerzählen: das waren und sind deren Geschichten. Wenn wir das vom Blatt gelernte Weitertragen der Grimmschen Märchen, der Literaturmärchen, der aufgezeichneten Autorenmärchen und ihrer Übersetzungen als die Bestimmung des Erzählers sehen: haben die Herren Philologen dann nicht Recht? Was unterscheidet dann den Erzähler vom Rezitator?
Gerade in den letzten Zeiten höre ich auf Tagungen oft die Meinung, der Erzähler sei ein Gefäß, einer, der ein Märchen aufnimmt und „rein“ wieder abgibt. Jeder, der das möchte, mag Gefäß sein. Ich für meinen Teil bin und bleibe Mensch, und aus mir heraus kommen die Töne, die ich erzeuge, kommen die Worte, die ich spreche, kommt die Aussage, die jede Geschichte hat. Und die Geschichte geschieht in dem Augenblick, in dem ich sie erzähle. Erzählen ist – für mich – auch erzeugen, ist reproduktive Fantasie; mir dies nicht einzugestehen hieße, mich aus der Verantwortung zu stehlen, die ich der Geschichte und den Zuhörern gegenüber habe.
Also, es soll niemand daran gehindert werden, getreu aus Büchern zu lernen, inwendig oder auswendig, ganz nach Gusto, von mir schon sowieso nicht; nur plädiere ich dafür, der Erzählung den Raum zu geben, den sie zur Entwicklung braucht. Zwei Beispiele:
Was soll man sagen? Was sage ich? Jede Fassung ist textgetreu, nämlich für den, der sie gemacht hat, für die Zeit, in der sie entstanden ist, und für die Zuhörer, für die sie gedacht ist. Aber den Buchstaben die Erzählung zu überlassen, bedeutet das nicht, das aufgeschriebene Wort vor die Geschichte zu stellen? Eine Geschichte Wort für Wort nach zu erzählen, immer und immer wieder gleich, ganz gleich auch, wer sie erzählt, bedeutet das nicht, sie aus dem Leben heraus zu nehmen? Will sagen: aus welcher Öffnung die Biene wieder ins Leben kommt, hängt vielleicht davon ab, ob ich ein geborener Bildungsbürger bin oder ein elaborierter. Aber heraus muss sie, das steht mal fest.
Zu I: Die Erzählungen aus den Tausendundein Nächten. Vollständige deutsche Ausgabe in zwölf Bänden aufgrund der Burton'schen englischen Ausgabe besorgt von Felix Paul Greve, Leipzig: insel 1907/8; hier aus: Digitale Bibliothek Bd. 87, Berlin 2003 Zu II: Die Erzählungen aus den Tausendundein Nächten. Vollständige deutsche Ausgabe in zwölf Teilbänden, zum ersten Mal nach dem arabischen Urtext der Calcuttaer Ausgabe aus dem Jahre 1839, übertragen von Enno Littmann. Frankfurt/Main: insel 1976 (Auflage v. 1997) Zu III: „Die hier vorliegende Ausgabe fußt auf der erstmals 1865 von Dr. Gustav Weil aus der Urausgabe vorgenommenen Übertragung. Die vier Teile in zwei Teilbänden umfassende Weilsche Ausgabe wurde in den vorliegenden zwei Bänden analog zur Urfassung leicht sprachlich überarbeitet und mit den Illustrationen der Erstausgabe versehen.“ Klappentext des Magnus-Verlages, Essen (ca. 1995) Zu IV: Tausend und eine Nacht. Auswahl und Nachwort von Hans W. Fischer, Übersetzung aus dem Arabischen von Max Henning, Darmstadt: Deutsche Buch-Gemeinschaft 1957 Bemerkungen: Die Übersetzungen von M. Henning entstanden um 1900; bei Diogenes erschien 1994 eine ebenfalls einbändige Auswahl auf der Basis der Henningschen Übersetzung „in der Bearbeitung von Hans W. Fischer“, mit einem Nachwort von Iring Fetscher; in diesem Band ist die Einleitung ausgeklammert. Auch eine Form des Erzählens! Zu V: Tausendundeine Nacht. Nach der ältesten arabischen Handschrift in der Ausgabe von Muhsin Mahdi erstmals ins Deutsche übertragen von Claudia Ott, München: Beck 2004 Zu VI: Arabische Nächte. Erzählungen aus Tausend und eine Nacht, mit 30 farbigen Bildern von Edmund Dulac, herausgegeben von Ernst Ludwig Schellenberg, Weimar: Gustav Kiepenheuer 1914; Nachdruck als Lizenzausgabe Augsburg 1999; ein Übersetzer bzw. eine zugrunde liegende Fassung wird nicht genannt P. S. Die Erzählerin in mir bedankt sich bei dem mir nicht bekannten Übersetzer und kann mit seiner unverworrenen Version am ehesten etwas anfangen. Ich habe sie ziemlich wörtlich erzählt zu Beginn einer Matinee mit Musik und Geschichten zum Thema „Scheherezade“; es war im Winter 2001 und ich konnte hören, wie ringsum die Menschen die Luft anhielten und scharf auspusteten. Das zum Thema l’art pour l’art. Goethe oder Faust?
Autorenmärchen, Theaterstücke, Weltliteratur – das ist wohl der Bereich, in dem sich am deutlichsten die Frage nach dem „Wie Erzählen?“ stellt. Wie viel Respekt schulde ich dem Autor, dem Dichter, seinem geistigen Eigentum?
Unter Erzählern kennt man das Buch „Fahrenheit 451“, die Geschichte von Menschen, die unter strengster und menschenverachtendster Zensur leben. Diese Menschen wollen verhindern, dass die Literaturschätze, das aufgeschriebene Gedächtnis und Wissen der Menschen, vergessen werden, deshalb lernen sie Bücher auswendig, in einem Kreis Gleichgesinnter ist jeder Mensch ein Buch und tradiert das Wissen um einen wichtigen Beitrag zur menschlichen Kultur. – Ich kann mich in diese Reihe nicht stellen. Ich brauche keinen Heldenmut zum Erzählen, denn ich lebe nicht in einer Kultur, dem Himmel sei Dank, in der ich mit meinem Erzählen das Banner der Freiheit und Menschlichkeit hochhalten muss. Und ich erzähle zwar auch, um zu bewahren, um weiter zu sagen, um am Leben zu halten, vor allem aber erzähle ich, um die Geschichte ins Leben zu rufen, sie wirklich werden zu lassen für den, der sie hört.
Dass Goethe, Shakespeare, die Grimms, Andersen und Puschkin mit ihren Werken mehr zum kulturellen Gedächtnis beigetragen haben, als man mit Worten beschreiben kann, ist ganz und gar unumstritten. Ihre Werke weiter zu tragen ist unverzichtbar. Und doch spielt heute kein Theater mehr Schiller im O-Ton (was die Ästhetin in mir gelegentlich bedauert), und doch heißt nach dem letzten Stand der Übersetzung der Roman von Dostojewski nicht mehr Schuld und Sühne sondern irgendwie ganz anders, die Neuübertragung der Basilemärchen durch Schenda u.a. ist einfach zum Jauchzen saumodern, und die sogenannte Maobibel, wenn sie denn noch irgendwo aufgelegt würde, käme heute nicht mehr von Herrn Tse Tung, sondern der Autor hieße Zedong.
Was erzählen wir? Geschichten oder Literatur? Faust oder Goethe? – Shakespeare oder Macbeth? Und
was erzählt Goethe: Volkssage? Marlowe? Faust? Oder Goethe?
„Wo komme ich her? – Und warum bin ich dort nicht geblieben?“ (M. Beltz)
Jeder Erzähler bringt sich selbst mit. Eine Binsenweisheit. Also, folgere ich, hat Goethe auch Goethe erzählt, und Shakespeare Shakespeare. Aber: sie haben eben auch Faust erzählt, und Macbeth. Und haben sich dabei auf Vorlagen gestützt. Auf Literatur und Volkserzählungen. Zum Teil auch auf mündliche Tradition, ganz ohne Feldforschung. Der große Puschkin hat die Märchen und Volkssagen nicht in gemeinsamer Lektüre mit seinem Französischlehrer gelernt, den er als Kind vornehmer Leute auch gehabt haben wird, sondern von seiner analphabetischen Amme. Durften die das?
Boy meets girl – immer gut für eine Erzählung, für einen Roman, für einen Film. Seit undenkbaren Zeiten kennen die Menschen den Plot. Wenn es denn aber etwas haltbarer sein soll, wenn man auch nach Jahrhunderten die Geschichte noch spannend finden soll, dann braucht es vielleicht mehr als nur ein nettes Drehbuch. In einem Artikel über die Aktualität von Bert Brecht (Jan Knopf, APuZ 23, Juni 2006) finde ich als Antwort: Fabel gegen Leere. Heißt: Sinn gegen Beliebigkeit. „Sinn“ als historische, von Menschen gemachte und von Menschen verantwortete Kategorie. Etwas, das war und ist oder doch wenigstens sein kann. Knopf nennt es das Primat des Historischen, Nicht-Beliebigen. „Papa, woher kommt der Mensch? Welche Farbe hat die Welt? Warum haben die Elefanten Rüssel? – Ist doch egal, mein Kind“: damit wäre jedes Erzählen am Ende. – Diese historische Dimension gehört, meine ich, auch wesentlich zum Märchenerzählen. Raconter, c’est faire passer les histoires, c’est traverser les époques; oder, wie ich zu sagen pflege: jedes „Es war einmal“ trägt unausgesprochen mit sich das „es ist und wird sein“.
Wem
gehört also der Faust? Wem gehört die Geschichte? Sie
gehört allen. Sie gehörte auch Goethe, und er erzählte
sie auf seine Art. Also: Goethe den Rezitatoren, mir aber den Faust.
3. Exkurs: Zwischenstand
Halten wir fest:
„Es ist einmal ein armes kleines Märchen“
„Wenn ich besonders trockenen Stoff zu vermitteln habe, Grammatik und so, dann nehme ich oft ein Märchen; das hält die Kinder bei der Stange, sie wollen unbedingt wissen, wie die Geschichte ausgeht“, erzählt die Deutschlehrerin einer 2. Klasse in meiner wahrlich nicht phantasieüberreizten ländlichen Gegend. Wenn sie „Märchen“ sagt, ist das synonym für „Klassiker“, also die Grimmschen Märchen.
Gute Geschichten sind nicht leicht klein zu kriegen, siehstewohl. Und wenn du noch so verbissen am Rumpelstilzchen die Verbformen übst, und wenn du noch so oft „es war einmal“ ins Präsens übertragen lässt, die Kinder fragen immer noch: und wie geht die Geschichte weiter? Wunderbar!
Wie geht die Geschichte weiter? Früher, in den etwas älteren Zeiten, wusste das jedes Kind. Heute noch, wenn ich in Altenheimen erzähle, merke ich: egal wo sie herkommen, was sie gelernt und erfahren haben, das Wissen um die Märchen ist ihre gemeinsame Kindheits- und Lebenserfahrung, ist gemeinsames Bewusstsein und gemeinsame Erinnerung. – Die Zeiten sind vorbei. Der kulturelle Konsens früherer Zeiten, der bildungsbürgerliche Ansatz, er greift nicht mehr. ‚Märchen sind grausam und Phantasie sowieso keine Leistung’ war - grob vereinfacht, ja ja, und außerdem West-Erfahrung – eine Botschaft der 70er und 80er Jahre. Eine ganze Eltern- und Erziehergeneration bezog seither ihre Erfahrung mit Geschichtenerzählen, Singen und Phantasieren oft genug aus passivem Erleben (Fernsehen, MC, und das ist jetzt KEIN erhobener Zeigefinger gegen audiovisuelle Medien). Nicht einmal die Geschichten der Bibel, die doch selbst in den kulturtrockensten Haushalten eine Heimat hatten, hat man ihnen erzählt. Und so haben sie jetzt ihren Kindern nichts weiter zu sagen. Man hat sie gefragt, diese Generation, welche Märchen kennt ihr, und sie haben geantwortet: Rapunzel, und Schneewittchen. Hätte man sie gefragt, wie war das mit der Ente bei Hänsel und Gretel, und wie viele Kinder hatte Rapunzel, hätte man vielleicht gemerkt, dass da oft nur die Erinnerung war an einen Namen, an ein grobes Handlungsmuster, aber kein aktives erzählbares Wissen. Wir sind, ich wiederhole mich, keine mündliche Gesellschaft (mehr), aber der Verlust an erzählten Geschichten, an erzählter Geschichte, ist ein herber Verlust auch an Sprache, an Phantasie, an kultureller Identität. Erzählen und zum Reden bringen, zuhören und weiter erzählen – das ist mein Job als Märchen- und Geschichtenerzählerin, jedenfalls sehe ich das so. Nicht entführen, sondern zurückholen; nicht in Anderswelten bringen, sondern am Leben halten. Ich bin keine Sibylle der Salons, bin nicht zu Hause in Wolkenschlössern und Überbausphären mit Labsal für die Seele. Im Zweifel ist mir die Fußgängerzone mit all ihren Mühseligen, Desinteressierten und Beladenen näher als die intime Veranstaltung für „Kundige“.
Auf Fachtagungen und Kongressen hört man sie noch vom Allgemeingut Märchen sprechen, und sie meinen das wohl auch so. Aber in den Schulen, den Kindergärten, den Elternhäusern, weiß man es anders. Die augenblickliche diffuse Märchenbegeisterung – und damit verbunden der Boom an neuen haupt- und nebenberuflichen Märchenerzählern – hat viel damit zu tun, dass die Erwachsenen gemerkt haben, was lange vernachlässigt wurde und was in einer der bekanntesten und ältesten Geschichtensammlungen unserer Kultur längst nachzulesen war: nicht vom Brot allein lebt der Mensch. Vorlesepaten, Diplomarbeiten, Handreichungen und Unterrichtsmaterialien zeugen von dem Bemühen, Kinder an Märchen und Geschichten heranzuführen. Das ist gut, und es gibt ganz hinreißend gelungene Beispiele. Das sind dann die, die das Märchen, die Geschichte, nicht als Grammatik- oder Leselernstoff verschleißen, die nicht hinter den Klappentext die Schablone klemmen, mit der Esel, Katze, Hund und Hahn deckungsgleich im Klassensatz ausgeschnitten und angemalt werden können, sondern die vom Zuhören und Konsumieren weitergehen und die kleine Dame Phantasie wecken, die anregen zum Nachdenken, Selbermachen, Weitererzählen, Erfahrungen machen.
Etwas
er-fahren. Unsere Sprache ist von großer Bildhaltigkeit, man
kann sich vieles vor-stellen, mit ihr lässt sich vieles
be-schreiben und be-wirken, wirken kommt von weben. Märchen mit
ihrer knappen Sprache und reichem Bildgehalt können hier viel
leisten, viel mehr als die Auflistung von Adverb und Adjektiv. „So vergeht Jahr um Jahr
Aber das Märchen als solches, das Erzählen an sich, ist geblieben? Ach das glaubt euch doch nicht mal des Teufels Großmutter.
Reden wir über schwierige Dinge. Über Globalisierung und Paradigmenwechsel. Über Theorie und Terminologie. Über Migrationshintergrund und Rezeptionsformen. Und warum ich den Zauberer von Oz so gar nicht leiden kann. Das ist, was ich in den vergangenen zehn Jahren erlebt habe (West-Erfahrung! Aber die Bilder gleichen sich an), und was der Ausgangspunkt geworden ist für mein Erzählen:
Erstens: Märchen sind kein Allgemeingut aller Schichten und Altersgruppen mehr.
Siehe oben.
Zweitens: Das Erzählen als gemeinsames Erleben ist nicht (mehr) selbstverständliche Erfahrung.
Sie teilten die Nacht in drei Teile, heißt es oft in keltischen Märchen, einen zum Essen, einen zum Erzählen, einen zum Schlafen.
Manchmal schickte mein Onkel Willi seine Kinder los, die holten alle erreichbaren Familienmitglieder zusammen. Mein Onkel hatte immerhin acht lebende Geschwister mit Schwägern und diversen Kindern, von der Seite seiner Frau kamen noch ein paar dazu, und fast alle wohnten wir nicht weiter auseinander als eine halbe Stunde zu Fuß, und wer konnte und nicht Spätschicht hatte oder im Gemüsegarten arbeitete oder ein Kind kriegte oder mit einem der Onkels oder Tanten Krach hatte, der kam. Das war immer im Winter, in den Monaten mit R, wenn es Muscheln gab. Dann wurde der große schwarze Waschkessel auf den Herd gestellt, auf den breiten Küchenherd mit zwei Kochstellen, für Holz und Brikett; wir Kinder warteten voller Vor-Spannung – irgendwie war ich, obwohl fast die Kleinste, meist schon da, während die anderen noch geholt wurden -, die Großen waren beschäftigt mit Porree schneiden und Sellerie und Möhren, die Kinder durften die Muscheln putzen, ich meistens nicht, ich musste Schwarzbrot kaufen und gute Butter, weil ich mich gut losschicken ließ und unterwegs nicht vergaß, weshalb sie mich eigentlich geschickt hatten, und weil ich wusste, wie man bei Beyer hintenrum einkaufen konnte, und weil ich niemals Geld verloren habe und es mir auch von den großen Jungs nie habe abnehmen lassen, und wenn ich zurückkam, hatten sie das Gemüse schon im Topf angeschwitzt mit Nelkenblättern und Senfkörnern und kräftig gepfeffert und Wasser nachgegossen, und wenn alle da waren, wenn in die Dreieinhalbzimmerwohnung mit Küche und Waschbecken und Klo und ein Zimmer war noch untervermietet an den unverheirateten ältesten Onkel keine Muschel mehr hineingepasst hätte, dann warfen die Männer, das war Männersache, die Muscheln ins Wasser und wir passten alle gut auf und horchten, wie es quietschte und pfiff und heulte in dem großen Waschkessel, bis sich die Schalen öffneten. Dann war es warm in der kleinen Küche, die so groß war für einen Dreikäsehoch wie mich, die ich unten auf dem Fußbänkchen meiner Oma saß, das fast als einziges Möbelstück Bombardierung und Evakuierung und Wirtschaftswunder überstanden hatte, und sie saßen um den Tisch herum und auf Kisten und Stühlen, die sie aus dem ganzen Haus herangeschleppt hatten, denn manchmal waren auch die Nachbarn dabei, wenn nicht mal wieder Knatsch war, weil der eine die Frau des anderen angepatscht hatte, oder weil die Kinder von der einen auf der Bleiche Verstecken hinter den Betttüchern der anderen gespielt hatten, oder weil einer sich genierte wegen der sechzehnjährigen Tochter mit dem dicken Bauch, père inconnu, und dann waren wir beieinander und aßen Muscheln, mit einer leeren Muschel knibbelten wir das Fleisch aus den Schalen, danach tranken wir den Muschelsud und aßen dazu Schwarzbrot mit guter Butter; wir waren beieinander, die ganz Kleinen und die Großen und die Alten, und es schlürfte und es spritzte und es war laut und würzig. Wir Kinder stritten, ob Lloyd ein Auto war oder ein Karton mit Motor und ob im Kinderkino Fuzzy oder Fury lief und wer die besten Kommunionsgeschenke bekommen hatte und wer die meisten Vettern und Cousinen freihändig aufsagen konnte und (aber leise, dass es die Erwachsenen nicht hörten), dass die Annemie schon in Filme ab 18 ging und zum Tanzen ins Café Vaterland, obwohl sie doch gerade erst aus der Schule gekommen war; die Frauen regten sich auf wegen der schlechten Manieren der Kinder und weil die eine nicht mit Geld umgehen konnte, schon als Kind nicht, und amüsierten sich, weil die Cousine, die schon mit zwanzig achtzehnmal verlobt gewesen war, sich nun ausgerechnet diesen Prügelernst in den Nacken geschlagen hatte; die Männer stritten wegen Adolf und Adenauer und der „DDR“ und der KPD, dazwischen erzählten sie vom Krieg, von EK I und II als Christbaumschmuck und von den Eltern, Karl und Lisbeth. Und Lieder brachten sie uns bei, es steht eine Mühle im Wuppertalwuppertal, die Hotmannspief, Tipitipitipso beim Calypso. Und alte Geschichten, vom Teufelsdaumen in der Tür des Aachener Doms und vom Bahkauv, das die besoffenen Männer auf dem Weg von Kuckelkorn nach Haus kräftig traktierte. Ich sage euch, das waren Feste. Erzählfeste! Noch heute, wenn ich Muscheln esse, fallen mir die herrlichsten Geschichten ein.
Drittens: Nix is mit gesicherten Erkenntnissen und bewährten Konzepten
Vor einiger Zeit sah ich einen Film über Berlin vor ungefähr achtzig Jahren. Dokumentiert wurde das alltägliche Straßenleben in der Stadt, aufgenommen von einer fest installierten Kamera, mit Originalton, ohne Untertitel oder Kommentar. Im Prinzip der gleiche Alltag, wie ihn jede Stadt auch heute noch kennt. Und doch war ich befremdet. Mode, Architektur, Verkehrsmittel? Nein, das nicht. Filme, die in der Zeit spielen, „Cabaret“ oder „Der Clou“, zeigen die Szenerie, sie „zankt“ das Auge nicht. Es hat ein gutes Weilchen gedauert, bis mir das Ungewohnte deutlich wurde: die Leute trugen Berufskleidung. Der Bäcker hatte eine karierte Hose, der Metzger eine gestreifte Jacke und eine Lederschürze, der Polizist und der Briefträger waren in Uniform, der Zeitungsbote und der Schuhputzer hatten Kappen auf, der Angestellte mit seinen Ärmelschonern und der Zimmermann und der Priester und der Straßenkehrer und der Kohlenhändler waren ganz eindeutig an ihrer Berufskleidung zu erkennen. Jeder hatte seine Zuordnung, wie der Anfangssatz eines Märchens: Es war einmal ein Müller.
Stell dich mal irgendwo an eine Straßenecke und versuche, vom Äußeren der vorbeikommenden Menschen auf ihren Beruf zu schließen. Oder darauf, ob sie überhaupt arbeiten, um ihr Leben zu erhalten. - „Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot verdienen“? Vergiss es. „Arbeit“ ist in unserer augenblicklichen Lebenswirklichkeit zu einer anderen Kategorie geworden. Unsere Erfahrung ist nicht, dass Arbeit und Lebenserhaltung einander bedingen. Bei uns kann man überleben, ohne arbeiten zu müssen, oder umgekehrt: man muss nicht arbeiten, um zu (über)leben. Wie also beschreibt sich heutzutage, was „Arbeit“, was über-leben bedeutet? Mit Esse, Amboss und feuriger Lohe?
Und noch etwas: „Früher, wenn einmal ein Fremder in unsere Strasse kam, liefen wir Kinder alle hinterher, aber in ordentlichem Abstand. Einmal, da kam einer, der war schwarz, da kamen sogar die alten Frauen aus den Häusern, und die Männer wurden von den Arbeitsstellen geholt, um den zu bestaunen. Heute brauche ich mich nur in den Bus in die Innenstadt zu setzen, dann bin ich wie auf einer Weltreise.“ Sagt meine Mutter, aufgewachsen am Rande der Aachener Innenstadt, und da lebt sie noch heute.
Und noch etwas: Jedes Wort einer Sprache transportiert unausgesprochen einen spezifischen historischen, sozialen und kulturellen Kontext. Das macht es so schwierig, sich in einer fremden Umgebung zurechtzufinden, selbst wenn man die Sprache formal beherrscht. – Wenn die Brüder Grimm von einem Holzfäller berichten, oder von einem Köhler, so brauchen sie gar nicht zu erwähnen, dass es sich um bitterarme, armselige, schmutzige, ausgegrenzte Menschen handelt. Jeder wusste das damals – und „damals“ dauerte hierzulande bis vor ungefähr dreißig Jahren, würde ich sagen. Dass diese beiden Berufe bei uns praktisch ausgestorben sind, ist fürs Erzählen weniger ein Problem; Grafensöhne kommen im Straßenbild ja auch nicht oft vor, und doch verbindet man mit diesem Wort heute noch eine ähnliche Art zu leben wie zu Grimms Zeiten. Knifflig ist, dass es die Lebenssituationen und vor allem die Existenzwahrnehmung nicht mehr gibt, die sich mit diesen Berufen beschreiben. So ein Ofen wie der, in den Gretel damals die Hexe geschubst hat, steht heutzutage im Museumsdorf, das ließe sich historisch erklären, aber ein Hartz-IV-Empfänger mag eine arme Socke sein, ein „Köhler“ ist er nicht, nicht in seiner Wahrnehmung und nicht in der Wirkung auf andere. Wohlgemerkt, ich rede von deutscher Wirklichkeit und Wahrnehmung.
Am Ende von „Amor und Psyche“ heißt es: sic rite Psyche convenit in manum Cupidinis, Psyche wurde mit Amor getraut. Die Formulierung des Apuleius aus dem 2. Jahrhundert hatte einen ganz handfesten juristischen Hintergrund, und die Übersetzer tun sich sehr schwer, hier ein deutsches Äquivalent anzubieten. Psyche geht in die Hand Amors über, und das ist nach der Rechtsvorstellung, in deren Umfeld die Geschichte angesiedelt ist, eine Übereignung. Ab jetzt gehört sie ihm, ist sein Eigentum. Was das tatsächlich bedeutet, vor dem Recht Eigentum zu sein, können wir mit unserem modernen europäischen Hintergrund nicht einmal erahnen. Für die Geschichte von Amor und Psyche ist das irrelevant, die Story ist auch heute noch gültig, Hauptsache, sie haben sich am Ende gekriegt, und wie die beiden ihr Eheleben regeln, ist uns zunächst einmal wurscht. Aber: Werde ich als Erzähler heute noch verstanden, wenn ich erzähle „... und sie waren ihres Hungers und ihrer Armut ledig ...“? Und vor allem: Lässt so ein Satz noch gültig und nachvollziehbar die elementare Not der Ausgangssituation verstehen? Auch ich erzähle die Geschichte mit diesen Worten, mit ebensoviel Überzeugung wie innerem Augenzwinkern. Welche Formulierung würden die Grimmbrüder wohl heute wählen?
Cineasten, Rezitatoren und Museumsgänger mögen ihr legitimes Augenmerk auf die Erfahrungswelt früherer Zeiten richten; mein Erzählen handelt vom heutigen Erleben, in Bildern womöglich, die heute (noch) verstanden werden. In dem Dreieck Geschichte – Erzähler – Zuhörer wird die Wirklichkeit zu (mindestens) zwei Dritteln von der Geschichte und vom Zuhörer definiert. Es ist also nicht alleinige Erzählerentscheidung, in welcher Wirklichkeit Märchen heute stehen.
Für mich eine der spannendsten Fragen rund um die Zukunft des Erzählens.
... und es ist mir längst klar ...
Auch Erzähler sind nicht mehr, was sie waren.
Damit meine ich nicht die Barden und fahrenden Sänger der alten Geschichten. Es ist, glaube ich, Felix Karlinger, der in einem Aufsatz beschreibt, wie sich im Rahmen seiner Feldforschungen die Erzähler präsentierten. Da gab es Wandererzähler. Da gab es andere, die saßen in ihrem Dorf, ließen die Menschen zu sich kommen, und die kamen auch und hörten die immer wieder gleichen Geschichten, eine, zwei oder drei. Ob man die Leute gefragt hat: Kommt ihr nun wegen der Geschichten oder wegen des seltsamen Erzählers oder wegen des Ereignisses? Das weiß ich nicht. Jedenfalls ist das nicht mehr die Lebenswirklichkeit des Erzählers in meiner Wirklichkeit. Soll ich das bedauern? – Ich glaube schon, dass du dir als Erzähler heute reichlich Gedanken machen musst, wie du das, was du mitteilen möchtest, mit denen teilst, die es angehen soll.
Variante IV steht noch aus, die Expertenvariante. Also: allen Mut zusammengenommen, tief Luft geholt, einen weiten Anlauf gemacht ..... uuund huuups .... hineingeplumpst in die tiefgründige Abteilung Pflegen und Forschen.
Märchen brauchen die Wissenschaft zum Leben wie der Vogel den Ornithologen. Habe ich wo aufgeschnappt. Hat mir gefallen. Immerhin erklärt mir der Ornithologe, was das für ein Vogel ist, den ich gerade singen höre. Auf Seminaren, Tagungen, Kongressen, bei der Lektüre von Zeitschriften beschleicht mich allerdings mitunter der Gedanke: Die erklären mir da den Vogelgesang an einer ausgestopften Drossel.
In den vergangenen Jahren habe ich mit deutschen Experten so viel Zeit in Wolkenschlössern, Paradiesen, Seelenlandschaften und Jenseitswelten verbracht, und ständig sollte ich irgendwohin entführt werden, dass ich mich gelegentlich zwicken musste, um mir zu bestätigen: doch, Märchenerzählen ist von dieser Welt. In meinen Märchen, in meinen Geschichten, wird niemand entführt. Mitgenommen, das schon. So, wie man ein Haus besichtigt. Neugierig und langsam, sich an den Händen haltend, Zimmer für Zimmer, mit so viel Schiss wie Entdeckungsdrang.
Hätte ich drei Wünsche frei, dann wünschte ich mir ganz unmärchenhaft viererlei:
Wunsch 1: Forschen und Pflegen, das sich nicht a priori abgrenzt.
Ist es nicht schade, wenn sich ernsthafte Märchentagungen mit dem Thema „Dunkle Mächte“ befassen, und Voldemort und Saruman und die grauen Zeitstehler kommen im Programm erst gar nicht vor? Sind es nicht Vettern 2. oder 3. Grades von unserem Rumpelstilzchen? Graben sie nicht in der gleichen Erde?
Wunsch 2: Vor-Urteilslosigkeit. Geschichten erzählen sich auf vielen Wegen.
Oder: es ist kein Affront gegen Ubbelohde, wenn man darauf hinweist, dass auch heutige Künstler sich gelegentlich in anregender und gültiger Weise mit dem Thema Märchen und explizit der Gattung Grimm beschäftigen. David Hockney, zum Beispiel, mit seinen sehr britischen, durchaus politisch-sarkastischen Illustrationen verschiedener Grimmscher Märchen; einer der schönsten Bildbände, die ich kenne, zum Beispiel, 2003 im Verlag Die Gestalten erschienen. Die Herausgeber haben 23 junge Künstler auf der ganzen Welt gebeten, Grimmsche Märchen zu illustrieren. Herausgekommen ist ein ungeheuer reiches künstlerisches Spektrum zwischen Jugendstil, Comic, Collage und Scherenschnitt.
Oder: Warum empfiehlt in einschlägigen Kreisen niemand den Film „Brothers Grimm“? Weil man sich dazu tatsächlich im europäischen Märchengut sehr gut auskennen müsste? - Mag ja sein, dass SimsalaGrimm nicht wunderbar gelungen ist und für die kindliche Phantasie nicht so richtig viel hergibt. Aber woher eigentlich wollen wir das wissen? Also, ich bin gerade in meiner persönlichen Erfahrung bestätigt worden durch eine Studie neueren Datums (Götz, Hrsg.: Mit Pokémon in Harry Potters Welt. Medien in den Fantasien von Kindern. München 2006). Die sagt, das war normal, als ich damals den doofen Drosselbart gedächtnismäßig aus dem Kinderfilm gestrichen und mich auf den Tanz mit den Kochtöpfen konzentriert habe. Und das Kind der Müllerstochter war natürlich eine Tochter und hab ich jetzt die Grimms falsch verstanden? Und ich weiß noch heute ganz genau, wie das kleine Teehäuschen aussah von Dornröschen, als sie ein Kind war und mit ihren Puppen Kaffeeklatsch gehalten hat. Und ich habe mir zu Weihnachten haargenau das gleiche Puppenkaffeeservice gewünscht wie die kleine Prinzessin (Teehaus hab ich mich nicht getraut), Das war so unmittelbare Erfahrung, dass ich noch heute, wenn ich mir sonntags mittags einen alten Märchenfilm angucke (ich behaupte dann immer, ich brauche das beruflich), den Kinositz fühle, auf dem ich damals gesessen habe. Ungefähr zu der Zeit habe ich übrigens begonnen, die Überschriften der BILD-Zeitung zu entziffern und die Dreigroschenromane, die bei meiner Patentante herumlagen; da kannte ich Kalle Blomquist bereits aus dem Radio; kurz darauf kamen die Karl-May-Verfilmungen, dicht gefolgt von Courths-Mahler, und fast gleichzeitig und nach landläufiger Meinung viel zu früh überließ mir unsere Vermieterin gelegentlich ihren Aboplatz und ich entdeckte im Aachener Stadttheater Shakespeare und Brecht und im Dezember ging ich ins Weihnachtsmärchen. Und hat mir das jetzt geschadet, mental und phantasiemäßig?
Was ich damit sagen will: auch wir haben unsere Erfahrungen nur selten aus Großmutters Gute-Nacht-Geschichten, sondern viel eher aus den Medien, die uns zur Verfügung standen/stehen. Und heutzutage gibt es halt ein paar Medien mehr und Kinder wissen sie zu nutzen. So what?
Wunsch 3: übersetzendes Pflegen und Forschen und Erzählen.
Übersetzen im Sinne der Brüder Grimm: von einem Ort an einen anderen bringen. – Übersetzen vom Ufer der Herkunftskultur ans Ufer unseres Verständnisses. Inzwischen gibt es eine Reihe von Märchen- und Geschichtensammlungen, die „Herkunft“, „Wanderung“ und „Ankommen“ nicht trennen, sondern verbinden. (Meine drei Lieblinge: Afrikanische Lieblingsmärchen, hrsg. von Nelson Mandela bei Beck 2004; Märchen aus Tibet, erzählt von Ringu Tulku bei Theseus 1998; Orientalische Märchen, erzählt von Najim A. Mustafa und anderen bei Gabriel 2001)
„Was kann da nicht alles vorgekommen sein in einer alten Familie. Vom Rhein – noch dazu. Vom Rhein. Von der großen Völkermühle. Von der Kelter Europas. Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor- seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. – Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllersbursch vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das alles hat am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt – und – und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven, und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald, und – ach was, schau im Lexikon nach.“ (Carl Zuckmayer, Des Teufels General)
Wenn
es um die Märchen und Geschichten geht, unser immaterielles
kulturelles Erbe, das Menschen bei sich tragen, egal woher sie kommen
und wohin sie weiterwandern, so haben wir davon reichlich, jeder von
uns. Und es gibt vermutlich wenige Länder auf der Welt mit so
vielen Grenzen wie Deutschland. Und das heißt: mit so vielen
Nachbarn. Welch eine Chance! 4. Exkurs: Winnetou ist kein Christ, Scharlih
Also, ich plädiere dafür und praktiziere das auch, Grenzen zu überschreiten, mit den Füßen und im Kopf. Die bewährten Erzählorte zu verlassen, die bewährten Erzählpfade. Vielleicht auch deshalb, weil diejenigen, denen ich etwas erzählen will, inzwischen ganz woanders sind, ganz andere Wege gehen. Ich bin eine weiße Mitteleuropäerin, das hatten wir ja schon, mit dem ganzen historischen und soziologischen und kulturellen Rattenschwanz, der daran hängt. Was auch bedeutet, ich stehe mit meiner Geschichte, meinen Wahrnehmungen und meinen Wertvorstellungen in christlicher Tradition. In jahrtausendealter christlicher Tradition. Das bestimmt mein Erzählen, dessen bin ich mir bewusst; es beeinflusst die Auswahl der Geschichten, meine Vorstellung von gut und böse, von einem „gerechten“ Ende ... Es bestimmt aber nicht meine Erzählabsicht. Dass jede Geschichte Werte und Moralvorstellungen transportiert, dass jedes Erzählen eine Absicht verfolgt, ist so sicher, wie das Amen in der Kirche. Das bedeutet nicht, dass ich christlichen Geist in den alten Märchen und Geschichten erkenne. „Es war aber gut und fromm“ heißt eben nicht: es war gut und fromm im biblischen Sinne. Gemeint ist eher: Sie war korrekt und tough. Es gibt Menschheitserfahrung, es gibt den Wunsch, sich die Welt und das Leben zu erklären. Das ist allen Märchen und Geschichten gemein. Aber es gibt – meine ich und würde gerne darüber streiten - keine christlichen oder buddhistischen oder muslimischen Märchen und Geschichten; wohl gibt es christliche und buddhistische und muslimische Erzähler; und es gibt einen christlichen und buddhistischen und muslimischen Kulturkonsens, in dem Geschichten ihre jeweilige Ausformung erhielten. Wenn Märchen und Geschichten einen bestimmten Geist atmen, dann ist es der Geist, den ihnen jemand eingehaucht hat. So kommt man – grob vereinfachend, gewiss – zu den mythologischen Äpfeln der Hesperiden, zum biblischen Baum der Erkenntnis, zum märchenhaften Baum mit den goldenen Blättern, vielleicht sogar zu Tawaddud, die die religiöse Heilserkenntnis mit großen Löffeln zu sich genommen hat. Das aber ist die – meinetwegen legitime – Interpretation der Menschen in ihrer jeweiligen Geschichte, Gesellschaft, Kultur für das, was sie mit Begriffen wie ewiges Leben, Erkenntnis, letzte Wahrheit usw. verbinden. - Die Menschheitserfahrung, das kulturelle Gedächtnis der Menschen erkennt die Frucht der Erde; die Ausformung, also ob die Äpfel Hörner wachsen lassen oder von Krankheit heilen oder schöne Mädchen beherbergen, ist Ergebnis des kulturellen Konsenses einer Gesellschaft. Ob aber Schneewittchen einen Apfel isst oder eine Apfelsine, das ist Spiegel der alltäglichen Lebenswelt, in der sich der Erzähler und sein Publikum bewegen. Lokalkolorit. Nicht 1 : 1 übertragbar, so wenig wie die Poesie von Majakowski oder Prévert oder Elizas Rain in Spain. Und auch nicht zu kopieren. Wohl aber zu variieren, wie die vielen Versionen der „Kochsteingeschichte“ zeigen, oder die zahlreichen Fassungen von Amor und Psyche, die, bei allen Veränderungen bis hin zur Unkenntlichkeit, den Kern (Tierbräutigam, Neugier ...) stets erhalten. Mir ist dieser Punkt so wichtig, weil mir nichts daran liegt, dass in Grundschulklassen zwei Drittel der Kinder von der gemeinsamen Erfahrung „Geschichtenerzählen“ ausgeschlossen werden, nur weil sie mit mir den kulturellen Background nicht teilen. Im Gegenteil. Gerade das sind häufig Kinder, die zu den Märchen und Geschichten der Eltern und Großeltern noch einen sehr unmittelbaren Zugang haben.
Wunsch 4: Fragen, die ergebnisoffen, und Antworten, die nicht von vornherein parat sind.
Mehr Teilnehmer, weniger Zuhörer. Und unbefangene, kindliche Neugier.
„dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war“
Was man leicht übersieht: In der Perspektive ihrer Zeit waren die Brüder Grimm Erneuerer, nicht Konservierende. Sie haben die alten Geschichten nicht in allererster Linie aufgeschrieben, um die Kostbarkeiten aus alter Zeit in einen Glassarg zu legen und zu bewahren, sondern um sie nutzbar zu machen für eine neu anbrechende für eine bahnbrechende Zeit. Ihr Werk und ihre Arbeit sind geprägt von Begriffen wie Bürgertum, Industrialisierung, Demokratisierung und Partizipation, Freiheit von Forschung und Lehre, deutscher Nationalstaat. Beide Brüder standen für den Weg nach vorne und haben sich dafür aus ihren Ämtern und aus dem Land weisen lassen. – Über den ganz und gar nicht rückwärtsgewandten oder konservierenden Blick vieler Märchensammler und –schreiber ließe sich eine ganze Menge sagen, da könnten wir bei Afanasjev anfangen und bei Andersen noch lange nicht aufhören.
Das hat jetzt nichts mit Kulturpessimismus zu tun, doch denke ich schon, dass sich verantwortungsvolles Erzählen an eine veränderte Welt anzupassen hat. Geschichten – soweit sie nicht von vornherein bestimmt waren, Herrschaftswissen, Dogmen und Mysterien zu transportieren – sind dazu da, erstens erzählt und zweitens verstanden zu werden. Verändern sich die Grundlagen, verändert sich nicht die Geschichte in ihrem Kern, wohl aber die Form, in der sie weiter erzählt wird.
Und die Grundlagen haben sich verändert. Mal eben eine Tour de Raison gefällig? Wir sind in der Realität keine arbeitende Gesellschaft mehr; Statistiken besagen, dass nur gut 40% der arbeitsfähigen Menschen in unserem Land auch wirklich arbeiten; wir sind in der Realität auch keine christliche Gesellschaft mehr; ein erheblicher Teil der Kinder und Jugendlichen in unserem Land (auch die getauften und konfirmierten) dürfte sich ohne Lexikon in der Hand mit christlichen Grundlagen so gut auskennen wie ich mit der Symbolik mittelalterlicher Altarbilder; wir sind in der Realität keine Gesellschaft mehr mit einem einheitlichen kulturellen Konsens; weil der Kanon an verbindlichen Normen in unserer Gesellschaft sich verändert und auch geöffnet hat, und weil eine große Zahl von Menschen in unser Land gekommen ist, die ein in Teilen anderes kulturelles Gedächtnis mitbringen; wie gesagt: auch Erzähler sind nicht mehr, was sie (vielleicht) waren; jenseits unserer (objektiven) Verantwortung der Geschichte gegenüber, jenseits unserer (objektiven) Rolle als Teil des kulturellen Gedächtnisses, sind wir doch in der (subjektiven) Wahrnehmung des Publikums weitgehend reduziert auf den Teilaspekt des Unterhaltungskünstlers (der wir ja auch sind).
Das alles muss ich nicht bedenken, wenn ich Repertoireveranstaltungen zelebriere in Salons und Bibliotheken vor einem gebildeten, enthusiastischen Stammpublikum und vor Kindern aus gutem Hause. Das mache ich auch und erfahre dabei, dass diese Veranstaltungen besonders entspannt, besonders anspruchsvoll und durchaus auch ein Labsal für meine Seele sein können. Und doch gehe ich – für mich, eine individuelle Konsequenz, kein Anspruch an andere, aber vielleicht Stolperstein im flinkzüngigen Deklamieren – so weit zu sagen, dass dieses Salonerzählen ist wie Förderunterricht und zusätzliches Füttern derjenigen, die eh schon gut versorgt sind. Bei den anderen, denjenigen, die wir „unterprivilegiert“ nennen und die einen so großen Bedarf an Futter haben, da, will mir scheinen, sind die oben skizzierten Paradigmenwechsel beim Erzählen sehr wohl zu berücksichtigen.
Und gerade bei denen, die es sonst nicht so haben mit dem individuellen sprachlichen und schriftlichen Ausdruck, gerade auch im interkulturellen Kontext zum Beispiel, lassen sich Märchen ausgezeichnet als Mittel der Verständigung einsetzen. Die Knackpunkte, die ich eingangs erwähnte, die gibt es überall im menschlichen Leben, wenn auch in unterschiedlicher Ausformung und Interpretation. Aber sie bringen alle ihre Geschichte(n) mit. Dort kann man ansetzen. Wenn ich da erzähle, komme ich mir manchmal vor wie der, der Gold suchte und Porzellan fand.
Also, ich bin da nicht so die Expertin, aber mir will scheinen, dass die Möglichkeiten, sich interkulturell – und das fängt bei unseren unmittelbaren Nachbarn an; was wissen wir tatsächlich über Österreicher, oder Belgier? - über Märchen und Geschichten zu verständigen, längst noch nicht ausgeschöpft sind. Es gibt die umfangreiche Arbeit von Annette Kliewer (Interregionalität. Literaturunterricht an der Grenze zum Elsass. 2006), dann die hinreissenden Integrationsprojekte unter Leitung von Jutta Kepser (Theater – der Kloß, das Töpfchen), ein paar hübsche mehrsprachige Websites, ein paar Projekte, ein paar Feste … da geht doch noch was, oder?
Irgendwo unterwegs ist mir der Yankee-Popanz von Oz verloren gegangen. Weißt du was, um den kümmern wir uns beim nächsten Mal. Ich konnte ihn eh nie leiden. Das sag’ ich mir (ausbaufähig):
I. Es gibt kein „Richtig“ und kein „Falsch“. Jede Art, eine Geschichte zu erzählen, hat ihre eigene Berechtigung. Aber es gibt gutes und schlechtes Erzählen. Wenn du dich selbst testen willst, dann geh zu Kindern und erzähle ihnen Geschichten. Kinder sind ideale Testpersonen, man darf sie nie unterschätzen; wenn sie sich wegdrehen, dann hast du schlecht erzählt, und da gibt es keine, wirklich gar keine andere Erklärung.
II. „Mir fällt nichts ein!“: Wenn du die Geschichte wirklich mitteilen willst, fällt sie dir auch ein. Und wenn die Geschichte gut ist, sind die Zuhörer geduldig und nehmen Sprechpausen nicht übel.
III. Kein Erzähler ist wie der andere, keine Geschichte ist schockgefrostet und unveränderlich. Das Märchen, die Erzählung, die Geschichte gab es schon vor dir, sie existiert auch ohne dich. Aber du erzählst sie aus deiner Sicht. In diesem Sinne bist du Gefäß, mag sein, aber du bist auch Schöpfer und trägst die Verantwortung für das, was du da erzählst. Und du erzählst eine Geschichte niemals allein. Sie entsteht im Kontakt zwischen Erzähler und Zuhörer, und dabei ist nicht der eine aktiv und der andere passiv. Und beide Seiten bringen sich selbst mit, ihre Geschichte(n), ihre Erfahrung(en), ihren soziokulturellen Hintergrund ... Ist es nicht nackte Hybris, wenn wir uns herausnehmen, allein zu unseren Bedingungen zu erzählen? Wenn wir unsere Ruhe haben wollen vor der Wirklichkeit?
IV. Deine Sprache sei angemessen. Angemessen an die Geschichte, das vor allem. Jede Geschichte fordert andere Facetten von dir als Erzähler. Manchmal musst du dem Affen Zucker geben, und manchmal musst du darauf vertrauen, dass sich die Geschichte selbst erzählt. Mag dein Einfluss auf das, was beim Gegenüber ankommt, auch begrenzt sein, du hast ihn zu bedenken. Angemessen an deine Zuhörer. Wenn sie dich nicht verstehen, hast du dein Ziel verfehlt. Ich bewundere an meinen niederländischen Kollegen, dass sie sich der Geschichte verpflichtet fühlen. Dass sie überlegen: wie bringe ich die Geschichte und den Zuhörer zusammen. Und dass sie dann alles tun, ohne jede Scheu vor Rollen und Klischees und deren Wechsel, um die Geschichte nachvollziehbar zu machen. Um die richtigen Worte zu finden, ohne jedes „Wie steh ich denn da vor den Leuten!“ Angemessen an dich. Die Sache mit dem Erzählstil. Erzählen lebt nicht im Sprechen, sondern im einander verstehen. Und weil sich jede Gruppe über den kleinsten gemeinsamen Nenner definiert (auch in der Gemeinschaft Erzähler-Publikum), heißt das für mich: erhebe dich nicht über deine Zuhörer. Wenn du deine Zuhörer erreichen und nicht langweilen willst, musst du auf die Geschichte mehr Wert legen als auf deine Präsentation, auf deine Zuhörer mehr Wert als auf dich. Heavy stuff, das lass dir von mir gesagt sein.
V. Märchen haben ihren eigenen Rhythmus, ihre eigenen Bilder, Wörter und Verse und Reime, die in anderen Erzählformen undenkbar wären; ihre Sprache ist bruchlos zum selbstverständlichen Wunder. Aber doch sind sie nicht Erzählungen aus den alten Zeiten, sondern sie geschehen hier und jetzt, und hier und jetzt werden sie auch erzählt. Dabei hat jedes Leben in der Geschichte, Held wie Unhold, seine Existenzberechtigung und wird weder bewertet noch verurteilt. Das mit der magischen Wirkung der Märchen und den magischen Erzählmomenten solltest du mit Vorsicht beobachten. Die Magie ist oft genug das, was wir Erzähler hineinbringen. Aus Sicht der Geschichte und der Protagonisten heraus ist der magische Moment hernach oft ganz woanders. So ist das beim retrospektiven Erzählen. Als Buchautor kann ich die Perspektiven wechseln. Als Erzähler muss ich mich festlegen: begleite ich die Personen ein Stück ihres Weges und erzähle in der Handlungsgegenwart, oder weiß ich bereits, wie es ihnen ergehen wird und erzähle aus der Zukunft heraus; retrospektives Erzählen verführt leicht zum Be-Urteilen.
VI. „Ist mir das peinlich!“ Fühlst du dich unwohl, merkt das der Zuhörer und fühlt sich auch unwohl. Es ist also ganz einfach: erzähle nur Geschichten, in denen du dich wohl fühlst.
VII. „Jetzt hör mir gefälligst zu!“ Hast du das Band zwischen dir und deinen Zuhörern gut geknüpft, werden sie am Ende nicht sagen: „Das hast du aber schön erzählt“ (Das vielleicht auch, und wenn es deinem Ego schmeichelt, ist dagegen wirklich nichts einzuwenden!) – Sie werden sagen: „Das war eine gute Geschichte.“ Conclusio I. Glas halb leer oder: Nähr-Wert
Irgendwo las ich von Ali, dem Wurstverkäufer. Ob die Currywurst, die er an seinem Stand verkaufte, gut war, weiß ich nicht. Seine Geschichten jedenfalls waren Eins A. Und die Leute kamen, kauften eine Currywurst und aßen sie gleich an Ort und Stelle. Denn gratis zur Wurst erzählte Ali Geschichten. Und was waren das für Geschichten! Vergessen war der Würstchenstand. Wenn Ali erzählte, kamen die Elfen aus dem Zauberwald; wenn Ali erzählte, schautest du dem Krokodil in den doppelzahnigen Rachen; mit Karawanen zogst du durch die Wüste, mit dem Walfänger durchpflügtest du die Meere. Wenn Ali erzählte, dann wurde seine Welt lebendig, und du warst ein Teil dieser Welt. Und die Leute kamen von immer weiter her, kauften seine Currywurst und hörten seine Geschichten. „Ali“, sagten sie, „niemand hat so wunderbare Geschichten wie du.“ Dann gingen sie weg und waren satt und zufrieden und gut gelaunt. Es kam der Tag, an dem Ali keine Würstchen mehr verkaufte an seinem Stand. Die Leute fragten: „Ali, warum hast du keine Currywurst mehr zu verkaufen?“ Ali antwortete: „Weil ich jetzt kein Wurstverkäufer mehr bin, sondern ein Geschichtenerzähler.“ „Auch gut“, sagten die Leute. Und Ali erzählte. Erzählte so wunderbar wie immer. Und die Leute sagten: „Ali, du bist ein großartiger Geschichtenerzähler.“ „Gut“, sagte Ali, „das macht dann 3 Euro fünfzig.“ - „Wieso 3 Euro fünfzig? Wir haben doch gar nichts gegessen!“ - „Aber ihr habt meine Geschichten gehört.“ – „Drei Euro fünfzig. Für Geschichten! Na, du hast Ideen“, sagten die Leute, und gingen fort. Bezahlt haben sie nicht. Wenn du heute an diesen Platz kommst, du weißt schon, wo sich die Straße gabelt, dann siehst du von weitem die Bude von Ali, dem Wurstverkäufer. Die Leute kommen von überall her, sie muss wohl gut sein, die Currywurst. Schweigend packt Ali die Wurst ein, schweigend kassiert er 3 Euro fünfzig, dann machen sie sich davon, die Leute. Manchmal sagt einer: „Ach, Ali, was waren das für Zeiten, als wir hier standen und dir zuhörten. Warum erzählst du nicht mehr deine wunderbaren Geschichten?“ Und Ali zuckt mit den Schultern.
Geständnis:
für dieses Kapitel gibt es zwei Worte, das eine fängt mit
Pl an und hört mit agiat auf; das zweite, politisch korrekte,
heißt heute Motivkonkurrenz. In deutscher Prosa: Diese
Geschichte habe ich geklaut (jedenfalls Idee und Verlauf) und
weiß
doch nicht, wann, wo und von wem. Den Autor bitte ich auf das
höflichste um Entschuldigung, und wer mir eine Fundstelle nennen
kann, dem schenk’ ich nen Zwieback.
Conclusio II. Glas halb voll oder: weiter sagen!
Wir wissen genau, das Sternbild der Lyra ist ein physikalischer Materialhaufen, der sich in allen möglichen Formeln und Zahlenkombinationen beschreiben lässt. – Und wir wissen auch, dass das nicht einmal die halbe Wahrheit ist. Wenn uns ein guter Erzähler berichtet, wie sich Orpheus gegrämt hat, als er die Sache verbockt hatte und seine geliebte Eurydike war in der Unterwelt zurückgeblieben ... wenn wir hören, dass er in seiner Verzweiflung keinen Ton mehr spielen konnte, dass er sich zu Tode gehärmt hat, und dass nach seinem Tod die Götter sein Musikinstrument, die Lyra, an den Himmel holten und als Sternbild unsterblich machten ... und wenn wir dann an einem sternenklaren Abend im Spätsommer draußen sitzen und den Himmel betrachten ... welche Erklärung ist uns wohl plausibler?
Ich weiß nicht, wie er hieß, aber es war ein weiser Mensch, der gesagt hat: Das Universum besteht nicht aus Atomen, sondern aus Geschichten. Wahrscheinlich war es sowieso eine Frau, eine mit so pragmatischem wie poetischem Verstand. Eine Erzählerin. Das
wäre alles. Jetzt du! HIER |
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