MärchenLandHaus - Märchen + Geschichten für 1000 und wer weiß wie viele Nächte







wird fortgesetzt




Der Affe als Richter

Ein gelehrter Mann lebte zusammen mit seinem Hund und seiner Katze. Eines Tages brachte ihm ein Schüler einen frisch gebackenen Kuchen. Der Lehrer stellte den Kuchen auf das Brett an der Wand, wo er seine wenigen Küchengeräte aufbewahrte, dann ging er fort. Den Kuchen wollte er später essen.
Die Katze hatte aufmerksam zugeschaut. Kaum hatte der Lehrer seine Hütte verlassen, kam sie angeschlichen, sprang auf den Korbsessel, von dort auf die Fensterbank, von dort auf den Tisch, und dann in weitem Sprung auf das Brett. Der Sprung war aber so kräftig, dass der dünne Bambusriemen riss, an dem das Brett hing, und Brett und Kuchen und Katze landeten auf dem Fußboden.
Von dem Gepolter wurde der Hund wach, der draußen in der Sonne döste und auf die Rückkehr seines Herrn wartete. Er lief in die Hütte, um nachzusehen - und der Kuchenduft wehte ihm

bereits an der Tür entgegen. Da saß die Katze auf dem Boden und schickte sich an, den Kuchen zu verspeisen. Der Hund, als er das sah, sprang auf die Katze zu und wollte ihr den Kuchen entreißen. Die Katze fauchte und wehrte sich nach Kräften und gab dem Hund einen kräftigen Hieb mit ihrer Tatze auf die Nase. Der Hund jaulte.
Das hörte ein Affe, der draußen auf der Gartenmauer herumturnte. Er warf einen Blick durchs Fenster, sah den Hund, die Katze, den Kuchen ...
"Warum streitet ihr zwei euch an einem so herrlichen Tag?" fragte er.
"Diese nichtsnutzige diebische Katze hat unserem Herrn den Kuchen stibitzt!" - "Was geht dich das an?  Ich habe mir den Kuchen mühsam verdient!" - "Unverschämtes, eigennütziges Biest. Der Kuchen gehört unserem Herrn, ich habe genau so ein Anrecht darauf wie du."
"Hört auf zu streiten!" sagte der Affe. "Ist der Kuchen nicht groß genug für euch beide? Dort auf dem Tisch steht eine Waage. Ich werde den Kuchen gerecht zwischen euch aufteilen.“
Die Katze und der Hund waren einverstanden. Gespannt schauten sie zu, wie der Affe den     
Kuchen in zwei Teile brach und einen Teil auf die eine Waagschale legte, den anderen Teil auf die zweite. Die linke Waagschale plumpste hinunter. "Das Stück ist wohl etwas zu schwer", murmelte der Affe, bröckelte ein paar Krumen davon ab und steckte sie sich in den Mund. Die linke Waagschale hob sich ein wenig. „Es ist genug“, riefen der Hund und die Katze wie aus einem Mund. „Es ist nicht genug“, antwortete der Affe streng. „Seht ihr nicht,  dass die Waagschalen nicht genau nebeneinander stehen? Niemand soll mir nachsagen, ich sei ungerecht!“
Und er brach noch ein Stückchen vom Kuchen ab. Aber jetzt neigte sich die rechte Waagschale nach unten. Also musste er auch dort etwas wegnehmen, und weil er ein wenig zu viel genommen hatte,  sank die linke Waagschale wieder herunter.
Hund und Katze sahen erwartungsvoll zu, wie der Affe nach und nach Brocken für Brocken aus dem Kuchen herausbrach, einmal aus der linken Seite, einmal aus der rechten, wobei er behaglich vor sich hin grunzte und schmatzte. Und so lange ging das, bis die eine Waagschale ganz leer war

und in der anderen lag gerade noch ein Häppchen.
Nun tat er ganz böse und begann zu schimpfen: "Da zankt ihr euch um ein paar Krümel und bemüht sogar mich als Schiedsrichter? Ihr sollt euch schämen! Zur Strafe esse ich diesen winzigen Happen auf, dann braucht ihr euch nicht mehr darum zu streiten.“ Sprach’s und schwang sich zum Fenster hinaus, und kaute immer noch." Der Hund und die Katze sahen ihm verdutzt nach.
"Das hast du nun von deinem Geiz“, brummte der Hund schließlich und trottete zurück zu seinem sonnigen Plätzchen. Bei sich dachte er: „Es gibt keine Gerechtigkeit mehr auf der Welt.“ Dann schlief er ein.

* Ein Märchen aus Indien








































Das Geheimnis der leeren Muschelschalen


Der Herr hatte gesprochen: Es ist nicht gut, dass einer alleine sei. Und so schuf er von allem Anfang an zwei von jeder Art. Auch bei den Muscheln.
Im Anfang, da lebten Muschelmanen und Muschelinen noch zusammen in einer Schale. Viel Platz hatten sie da ja nicht gerade. Und wie das so ist: wenn es eng wird, bleibt der Streit nicht aus. „Jetzt rück doch mal an die Seite, dass ich putzen kann.“ und: „Kannst du dir nicht die Schuhe abputzen, bevor du hereinkommst? Jetzt habe ich wieder überall diese Salzwasserflecken.“ oder: „Tausendmal hab ich dir gesagt, du sollst das Loch oben rechts abdichten. Ich sage ja, eh du dich von der Stelle bewegst, sind wir hier alle abgesoffen. Das ist nun wieder typisch, statt vernünftig mit mir zu reden, greifst du zur Flasche. Als ob man alle Probleme der See in Süßwasser ertränken könnte. Mann, jetzt sag du doch auch mal was!“
Manchmal, da kamen Seefahrermuscheln aus dem Mittelmeer und Touristenmuscheln aus der Südsee oder Wandermuscheln von weit her. Da sahen sie, dass es auf der Welt nicht nur fleischige ovale Miesmuscheln gibt, sondern auch rassige Herzmuscheln und gedrehte Horchmuscheln, und große starke Jakobsmuscheln. Und das Leben zu zweit mit immer der gleichen Muschel in immer der gleichen Schale kam ihnen nicht mehr sehr verlockend vor.
Erst versuchten sie es auf eigene Faust. Sie teilten ihre Häuser. Jeder bekam eine Hälfte. Aber das ging ja nun gar nicht! Allein auf einer halben Muschel, ständig Salzwasser in der Schnauze und immer unter Beobachtung.
Langer Rede kurzer Sinn: Die Muscheln gingen zum Herrn und baten um Nachbesserung ihrer Existenz. Und der Herr hatte ein Einsehen und gab jeder Muschel ihr eigenes Haus.
Aber hatte nicht der Herr gesagt: Es ist nicht gut, dass einer alleine sei? Ja, eben! Wenn nämlich die eine Muschel es leid ist, allein zu leben, dann öffnet sie ihre Tür, klopft bei einer anderen an und sagt etwas wie zum Beispiel: „Komm doch auf ein Weilchen zu mir, ich hab den Tisch für zwei gedeckt.“ Und dann schlüpft die andere bei ihr unter und lässt ihr Haus zurück.
Und so kommt es, dass wir beim Spaziergang am Strand so viele offene leere Muschelschalen sehen. Jetzt bliebe noch zu klären, wo die kleinen Muscheln herkommen. Aber das ist eine andere Geschichte.

* Hab ich mir so gedacht.





Der Mondbaum

Bis auf den heutigen Tag ist es in China Brauch, dass am fünfzehnten Tag des achten Monats die Menschen unter freiem Himmel zusammenkommen und den Mond betrachten. Noch lange nach Mitternacht stehen sie da und warten und schauen, denn es heißt, in jener Nacht könne einem Menschen ein besonderes Glück begegnen. Und weil ein Körnchen Wahrheit in vielem steckt, was man so behauptet, hört euch meine Geschichte an, dann wisst ihr, was es mit diesem besonderen Glück auf sich hat.

Da war einmal ein Holzhacker, der lebte mit seiner Mutter in den Bergen. Ein fleißiger Arbeiter war er und ein guter Sohn, doch so sehr er sich auch plagte, es reichte für sie beide kaum zum Leben.

Eines Tages sah einer der Himmlischen Geister, wie er sich so umsonst abmühte, und da taten ihm Mutter und Sohn leid. Er ging zum Kaiser der Himmel und bat ihn, die beiden aufzunehmen. Das werdet ihr kaum glauben, doch auch im Himmel gibt es immer Arbeit genug für einen, der ordentlich zupacken kann. Und gerade zu jener Zeit mussten auf dem Mond die Äste des Zimtbaumes gestutzt werden. Dieser Zimtbaum, müsst ihr nämlich wissen, wächst auf dem Mond schon Millionen von Jahren, und weil sich keiner so richtig um ihn gekümmert hatte, war er sehr dick und sehr mächtig geworden und hatte über eine Million Äste. Und immer, wenn oben am Zimtbaum im Mond ein neuer Ast heranwuchs, gab es unten auf der Erde gleich wieder eine Million Menschen mehr. Dem Kaiser der Himmel wollte es nicht so recht gefallen, dass die Menschheit so schnell wuchs, und so wie er von dem fleißigen Holzhacker hörte, beschloss er, ihn für die Arbeit am Mondbaum zu holen. Als der junge Holzhacker erfuhr, welche Aufgabe ihm bestimmt war, verneigte er sich und dankte für die hohe himmlische Auszeichnung. Um die Wahrheit zu sagen, trotz aller Mühen fiel es ihm nicht ganz leicht, die Erde zu verlassen, wo doch seine Heimat war, aber er ging doch gleich an die Arbeit. Und wenn ihr genau hinschaut, dann könnt ihr manchmal einen Schatten sehen, der sich auf dem Mond hin und her bewegt. Das ist der Holzhacker, der den Zimtbaum stutzt.

Nun ist dieser Zimtbaum nicht wie andere Bäume. Sein Stamm und seine Äste sind so dick, dass der Holzhacker in einem Jahr gerade einmal einen einzigen Ast abhacken kann. Und wer besonders aufmerksam ist, der kann erleben, wie einmal im Jahr, nämlich am fünfzehnten Tag des achten Monats, ein ganzer Ast auf die Erde fällt. Und das ist auch kein gewöhnlicher Ast. Aber das wussten die Menschen damals noch nicht. Als sie wieder einmal draußen im Freien standen, in der fünfzehnten Nacht des achten Monats, und zum silbernen Mond hinaufschauten, da kam etwas durch die Luft gesaust, und bald konnte man hören, wie nahebei etwas auf dem Boden aufschlug. Die Erwachsenen freilich bemerkten das nicht, sie waren ja beschäftigt, sie mussten den Mond anstarren. Aber die Kinder. Die Kinder haben ihre Augen und Ohren überall. Sie liefen und suchten und hatten bald etwas gefunden. Nach einer Weile kamen sie und brachten einen langen schweren Ast angeschleppt. „Schaut, was wir gefunden haben“, riefen die Kinder. „Ja“, antworteten die Erwachsenen, „das ist ein schöner Ast, er wird gutes Brennholz abgeben.“ Und gleich am nächsten Tag machten sie aus dem Ast Brennholz, um es zu verfeuern. Sie heizten damit einen Tag und noch einen, eine Woche, einen Monat, einen zweiten Monat und noch länger, und was soll ich euch sagen, das Holz von dem Ast brannte immer noch. Da wunderten sich die Leute und erzählten die seltsame Geschichte überall herum. Das hörte der eine, das hörte der andere. Das hörte auch ein Mönch, der kam eines Tages, besah sich das Brennholz und sagte: „Das ist nicht irgendein Ast, den die Kinder da gefunden haben, das ist ein Ast des Zimtbaumes, und er ist vom Mond gefallen. Hättet ihr aus dem Holz einen Kleiderschrank gemacht, so hättet ihr euer Leben lang genug anzuziehen; hättet ihr daraus ein Reisfass gemacht, so würde es euch nie mehr an Essen mangeln; wenn ihr eine Geldtruhe aus dem Holz gemacht hättet, wäret ihr nie mehr ohne Geld. Da ihr nun Brennholz daraus gemacht habt, wird euch das Feuer nicht ausgehen.“ Das sagte der Mönch, dann zog er weiter.

Freude und Sorgen, es bleibt nichts verborgen. In Windeseile verbreitete sich die Kunde von dem wunderbaren Ast, einer sagte es dem anderen, der sagte es dem nächsten, und bald wussten es alle.

Und so schauen die Menschen in China bis auf den heutigen Tag in der fünfzehnten Nacht des achten Monats hinauf zum Himmel, und jeder hofft, dass er es sein wird, der den Ast des Mondbaumes findet.

* Eine Textfassung dieser Geschichte habe ich vor Jahren während eines Märchenseminars bekommen. Dort war als Quelle angegeben: Von fliegenden und sprechenden Bäumen, Hanser Verlag. Mein O-Ton.












































Der Riese und der Knirps

Es war einmal ein Riese, der war so groß wie der höchste Berg in den Pyrenäen; und weil er täglich zum Frühstück sieben Menschen verputzte, nannten ihn alle nur „Sieben-Mensch“. Der Riese wohnte in einem Wald, der war so tief, dass man wohl hundert Tage brauchte, um hindurch zu kommen, wenn man ohne Unterbrechung wanderte. Sieben-Mensch aber mit seinen langen Beinen brauchte dafür gerade einmal sieben Schritte.

Es lebte in der Gegend auch ein Mensch, ein Dreikäsehoch war das, mit einem Buckel, siebenmal so groß wie die ganze kleine Person, deshalb hieß er überall „Knirps Sieben-Buckel“. Knirps Sieben-Buckel war arm. Einmal im Winter hatte er kein Holz, um Feuer zu machen, und es war bitterkalt. Da ging er in den Wald des Riesen, Reisig zu sammeln. Natürlich hatte er Angst, vom Riesen gefressen zu werden, aber erfrieren wollte er auch nicht.

Er hatte eben erst begonnen, Holz zu sammeln, da hörte ihn der Riese auch schon, und mit gerade einmal vier Schritten war er da. Und als er den Winzling da unten stehen sah, musste er so lachen, dass er fast geplatzt wäre.

Knirps Sieben-Buckel stellte sich kerzengrade hin, stemmte die Arme in die Hüften und rief: „Caballero, du solltest wissen, dass noch niemand ungestraft über mich gelacht hat. Du hörst sofort auf damit oder ich verpasse dir ein paar Maulschellen, dass dir alle Zähne im Maul wackeln!“

Der Riese Sieben-Mensch war es gewohnt, dass alle Welt vor ihm zitterte; er war so verdutzt, dass er aufhörte zu lachen. „Ja, wer bist du denn überhaupt?“ – „Ich bin ich, und mir gegenüber brauchst du gar keine große Lippe zu riskieren. Du magst ja groß sein wie ein Berg, aber für mich bist du nicht viel mehr als eine Laus.“ - „Du nimmst den Mund ganz schön voll. Wollen wir doch mal sehen, wer von uns mehr kann. Wollen wir wetten, wer höher springt?“ Der Riese nahm einen weiten Anlauf und sprang, hoch, hoch über die höchste Eiche. Als Knirps Sieben-Buckel das sah, fing er schallend an zu lachen und rief: „Soll das auch etwas sein? So hoch bin ich schon als kleiner Junge gesprungen! Nun pass einmal auf, dann kannst du sehen, was hoch springen heißt.“

Der Riese Sieben-Mensch wusste nicht, was er davon halten sollte. Er hatte die Spitze der hohen Eiche noch in der Hand, bog sie hinunter bis auf die Erde und sagte: „Und ich glaube, dass du bis ans Ende der Welt gehen kannst und findest doch keinen, der so hoch springen kann wie ich.“ Er ließ den Eichenwipfel los, die Eiche schnellte nach oben – und der Knirps Sieben-Buckel mit, denn er hatte sich blitzschnell und unbemerkt an den Zweigen festgehalten Jetzt wurde der Knirps hochgeschleudert, aber auch so hoch, dass man glauben konnte, er müsse bis zur Sonne fliegen. Schließlich landete er wohlbehalten im Geäst der Eiche. „Ich habe dir ja gleich gesagt, dass ich schon als Säugling so hoch gesprungen bin wie du. Wenn du willst, können wir ja etwas anderes versuchen. Was kannst du denn schon überhaupt? – „Ich kann laut pfeifen.“ – „Das kann ich auch. Bestimmt pfeifst du wie ein kleiner Rotzlöffel. Lass schon hören.“

Da fing der Riese Sieben-Mensch an zu pfeifen, und ihr könnt mir glauben, dass er laut pfiff. So laut pfiff er, dass die Bäume sich bogen und die Blätter von den Zweigen fielen. Knirps Sieben-Buckel aber lachte aus vollem Halse: „Das nennst du Pfeifen. Kerl, das ist nichts, gar nichts. Wenn ich pfeife, treten dir die Augen aus den Höhlen und das Trommelfell platzt in deinen Ohren. Besser, du verstopfst die Ohren und hältst dir die Augen zu.“ Der Riese Sieben-Mensch dachte an den unglaublichen Sprung, nahm ein Taschentuch, das war größer als sieben Bett-Tücher, und hielt sich Augen und Ohren zu. Knirps Sieben-Buckel packte den größten Stein, den er heben konnte, und schleuderte ihn mit aller Macht dem Riesen ins Genick. Das brachte den natürlich nicht um, aber er dachte doch, es sei die Wirkung des Pfeifens und rief: „Hör auf zu pfeifen, mir brummt jetzt schon der Schädel.“ „Na siehst du. Ich habe dir ja gleich gesagt, mir gegenüber bist du ein Zwerg. Wenn du willst, versuchen wir noch etwas.“ – „Gut. Wir werden Steine schleudern.“ Der Riese nahm einen mächtigen, mächtigen Stein und schleuderte ihn weit hinaus, wohl hundert Klafter weit. „Na, was sagst du nun?“

Knirps Sieben-Buckel zuckte die Schultern. „Nun ja, wenn du meinst. Jetzt lass mich mal. Siehst du den großen Felsen da hinten?“ – „Ja, das ist mein Lieblingsstuhl.“ – „Den werde ich nehmen und bis in meinen Garten werfen, denn ich sehe da eine Frau, die mir meine Feigen stehlen will.“ – So weit kannst du gucken? Allerhand. Aber ich bitte dich, nimm einen anderen Felsen, er ist mir so bequem, einen anderen würde ich erst einsitzen müssen.“ – „Das ist dein Problem, dieser Felsen ist gerade der richtige, um die Diebin in meinem Garten zu erwischen. Oder hast du Angst, die Wette zu verlieren. Nun gut, du kannst deinen Stuhl behalten, aber dann gib wenigstens zu, dass du verloren hast.“ - Was blieb dem Riesen übrig? Wenn er seinen Lieblingsstuhl behalten wollte, musste er nachgeben. Also verständigte er sich mit dem Knirps.

Wie die Geschichte weiterging? Nun, sie wurden nicht gerade dicke Freunde, aber wenn Knirps Sieben-Buckel Holz brauchte, ging er in den Wald des Riesen; dann kam der Riese Sieben-Mensch herbeigestiefelt, die beiden unterhielten sich eine Weile, und dann ging jeder seines Weges.

* In welchem Sammelband ich dieses baskische Märchen gefunden habe, weiß ich nicht mehr. Mein O-Ton.





Die sieben Raben

Ein Mann hatte sieben Söhne und immer noch kein Töchterchen, sosehr er sich’s auch wünschte; da gab ihm seine Frau wieder Hoffnung auf ein Kind, und wie’s zur Welt kam, war’s auch ein Mädchen.

Die Freude war groß, aber das Kind war schmächtig und klein und sollte wegen seiner Schwachheit die Nottaufe haben. Der Vater schickte einen der Knaben eilend zur Quelle, Taufwasser zu holen; die anderen sechs liefen mit, und weil jeder der erste beim Schöpfen sein wollte, fiel ihnen der Krug in den Brunnen. Da standen sie und wussten nicht, was sie tun sollten, und keiner getraute sich heim. Als sie immer nicht zurückkamen, wurde der Vater ungeduldig und sprach: "Gewiß haben sie’s wieder über ein Spiel vergessen, die gottlosen Jungen." Es wurde ihm angst, das Mädchen müsste ungetauft sterben, und in seinem Ärger rief er: "Ich wollte, dass die Jungen alle zu Raben würden."

Kaum war das Wort ausgesprochen hörte er ein Geschwirr über seinem Kopf in der Luft, schaute in die Höhe und sah sieben kohlschwarze Raben auf und davon fliegen. Die Eltern konnten die Verwünschung nicht mehr zurücknehmen, und so traurig sie waren über den Verlust ihrer sieben Söhne, so trösteten sie sich doch einigermaßen durch ihr Töchterchen, das bald zu Kräften kam und mit jedem Tage schöner wurde. Es wusste lange nicht einmal, dass es Geschwister gehabt hatte, denn die Eltern hüteten sich, ihrer zu erwähnen, bis es eines Tages von ungefähr die Leute von sich sprechen hörte, das Mädchen wäre wohl schön, aber doch eigentlich schuld an dem Unglück seiner sieben Brüder. Da war es ganz betrübt, ging zu Vater und Mutter und fragte, ob es denn Brüder gehabt hätte und wo sie hingeraten wären. Nun durften die Eltern das Geheimnis nicht länger verschweigen, sagten jedoch, es sei so des Himmels Verhängnis und seine Geburt nur der unschuldige Anlass gewesen. Das Mädchen aber machte sich täglich ein Gewissen daraus und meinte, es müsste seine Brüder erlösen.

Es hatte nicht Ruhe und Rast, bis es sich heimlich aufmachte und in die weite Welt ging, seine Brüder irgendwo aufzuspüren und zu befreien, es möchte kosten, was es wollte. Es nahm nichts mit als ein Ringlein von seinen Eltern zum Andenken, einen Laib Brot für den Hunger, einen Krug Wasser für den Durst und ein Stühlchen für die Müdigkeit.

Nun ging es immerzu, weit, weit, bis an der Welt Ende. Da kam es zur Sonne, aber die war heiß und fürchterlich und sie fraß die kleinen Kinder. Eilig lief es weg und lief hin zum Mond, aber der war gar zu kalt und auch grausig und bös, und als er das Kind bemerkte, sprach er: "Ich rieche, rieche Menschenfleisch."

Da machte es sich geschwind davon und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und gut, und jeder saß auf seinem besondern Stühlchen. Der Morgenstern aber stand auf, gab ihm ein Hinkelbeinchen und sprach: "Wenn du das Beinchen nicht hast, kannst du den Glasberg nicht aufschließen, und in dem Glasberg, da sind deine Brüder."

Das Mädchen nahm das Beinchen, wickelte es wohl in ein Tüchlein und ging fort, so lange, bis es an den Glasberg kam. Das Tor war verschlossen, und es wollte das Beinchen hervorholen, aber wie es das Tüchlein aufmachte, da war es leer, und es hatte das Geschenk der guten Sterne verloren. Was sollte es nun anfangen? Seine Brüder wollte es erlösen und hatte keinen Schlüssel zum Glasberg. Das Schwesterchen nahm ein Messer, schnitt sich den kleinen Finger ab, steckte ihn ins Tor und schloss glücklich auf. Und als es eingetreten war, kam ihm ein Zwerg entgegen, der fragte: "Mein Kind, was suchst du?" – "Ich suche meine Brüder, die sieben Raben." – "Die Herren Raben sind nicht zu Haus, aber willst du hier warten, bis sie kommen, so tritt ein."

Darauf trug der Zwerg die Speisen der Raben herein auf sieben Tellerchen und in sieben Becherchen, und von jedem Teller aß das Schwesterchen ein Bröckchen, aus jedem Becher trank es ein Schlückchen; in den letzten Becher aber ließ es das Ringlein fallen, das es mitgenommen hatte. Auf einmal hörte es in der Luft ein Geschwirr und Geweh, da sprach der Zwerg: "Jetzt kommen die Herren Raben heimgeflogen." Da kamen sie und wollten essen und trinken und suchten ihre Tellerchen und Becherchen. Da sprach einer nach dem anderen: "Wer hat von meinem Tellerchen gegessen? Wer hat aus meinem Becher getrunken? Das ist eines Menschen Mund gewesen." Und als der siebente auf den Grund des Bechers kam, da rollte ihm das Ringlein entgegen. Da sah er es an und erkannte, dass es von Vater und Mutter war und rief: "Gott gebe, unser Schwesterlein wäre da, dann wären wir erlöst."

Als das Mädchen, das hinter der Tür stand und lauschte, den Wunsch hörte, trat es hervor, und da bekamen alle sieben Raben ihre menschliche Gestalt wieder. Das war eine Freude. Sie herzten und sie küssten einander und dann zogen sie fröhlich heim.

*Brüder Grimm; Achtung: Nichts für Puristen! Das ist die leicht veränderte Fassung, in der ich das Märchen erzähle. Wer den O-Ton haben will: Märchenlexikon, siehe unter Links.







Ins Leben rufen

Es lebte einmal ein Mann, der hatte eine Frau und drei Söhne, und die Frau trug ein viertes Kind unter ihrem Herzen. Der Mann war das Oberhaupt seiner Sippe und ein großer Lehrer und Heiler. Seine Söhne waren oft bei ihm und schauten ihm vieles ab, und vieles brachte er ihnen auch bei.
Eines Tages ging der Vater in den Wald. Er ging allein, denn er wollte Holz vom Mpingobaum holen. Aus dem Holz des Mpingobaums werden die Stäbe der Lehrer und Heiler gemacht. Sie verleihen ihrem Träger Entschlossenheit, Seelenstärke, und Kraft. Unterwegs verhedderte er sich in einer Schlinge, in der man wilde Tiere fängt, und konnte sich nicht daraus befreien. Als er nicht mehr zurückkam, begannen die Männer des Dorfes, nach ihm zu suchen. Tag für Tag zogen sie aus und suchten, sie konnten ihn aber nicht finden. Schließlich wandten sie sich wieder ihrem Tagewerk zu, denn sie mussten ja auch ihre Familien ernähren. Verwandte und Freunde und die Söhne
suchten noch eine Weile weiter, aber endlich gaben auch sie auf und begannen, sich wieder um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Eine Zeitlang noch sprachen die Söhne mit ihrer Mutter über den Vater, zuerst jeden Tag, dann immer seltener. Und als die Frau ihren vierten Sohn gebar, konnten sie sich kaum noch erinnern, wie er ausgesehen hatte, wie seine Stimme geklungen hatte, wie er sich angefühlt hatte. Und schließlich sprachen sie nicht mehr von ihm und dachten auch nicht mehr an ihn. 
Der vierte Sohn wuchs heran, und kaum dass er laufen konnte, da konnte er auch schon sprechen. Und sein erster Satz hieß: „Wo ist mein Vater?“ Und als er noch ein wenig gewachsen war, da verging kein Tag, an dem er nicht fragte. „Wo ist mein Vater?“ Und immer wieder: „Wo ist mein Vater?“
Da machten sich eines Tages die drei älteren Söhne auf, um noch einmal nach dem Vater zu suchen. Und diesmal fanden sie ihn. Das heißt, sie fanden, was von ihm übrig war, denn er war in der Schlinge gestorben. Die wilden Tiere hatten ihm das Fleisch von den Knochen genagt und  seine Gebeine und die Fetzen seines Gewandes lagen ringsum verstreut.
„Jetzt werde ich euch zeigen, was mich der Vater gelehrt hat“, sagte der jüngere; und er sammelte die Knochen und legte sie zusammen, so akkurat, dass am Ende ein vollständiges Gerippe da lag, es fehlte auch nicht das kleinste Knöchelchen.
„Na und? Auch ich habe beim Vater gelernt“, sagte der mittlere, „schaut nur, was ich jetzt mache.“ Und er begann, Erde und Wasser zu kneten, bedeckte nach und nach das Gerippe damit und hatte am Ende einen Menschen geformt, der sah aus,  wie der Vater immer ausgesehen hatte.
„Jetzt werdet ihr staunen“, sagte der älteste Sohn. Und er ging hin, hauchte den da liegenden Körper an, pustete ihm in den Mund, die Augenhöhlen, die Nase und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Und da erwachte der Vater, stand auf und war lebendig wie vorher. Und sie umarmten einander und zogen heim. Und dort war die Freude groß. Und so lebten sie.
Viele Jahre danach rief der Vater seine vier Söhne zu sich. „Ich bin alt geworden. Es ist an der Zeit, dass ich den Stab des Familienhauptes, die Mkongoja,  an einen meiner Söhne abgebe. Wer von euch soll den Stab bekommen?“
„Gib ihn mir, den Stab“, sagte der, der das Gerippe zusammengelegt hatte. „Wenn ich nicht die Knochen und Knöchelchen zusammengesucht und ein jedes an seinen rechten Fleck gelegt hätte, so wärst du heute gar nicht hier.“
„Ach was, als käme es auf ein paar Knöchelchen und Knorpelchen mehr oder weniger an“, rief der zweite. „Aber was wärst du, wenn ich nicht wüsste, wie man einen Menschen formt.“
„Ja und wenn das alles wäre, dann läge der Körper noch immer ohne Leben im Wald“, sagte der älteste Sohn ärgerlich. „Mir gebührt der Stab, denn ich habe dem Vater Leben eingehaucht.“
Der jüngste aber schwieg.
„Ihr habt Großes vollbracht, jeder von euch“, sagte der Vater. „Und doch gebührt der Stab dem jüngsten eurer Brüder, denn er war es, der euch nach mir gefragt hat.“

* Ein Märchen aus Afrika und von überallher




La Bella und der Orco

Es war einmal ein armer Mann, der hatte drei schöne Töchter, und die Jüngste war so schön, dass alle Welt sie nur La Bella nannte, das heißt die Schöne.

Eines Tages wurde der Vater krank, und es dauerte nicht lange, da lag er auf dem Sterbebett. Er rief die älteste Tochter zu sich und sagte: „Höre, mein Kind, ich kann euch nur drei Ziegen hinterlassen, sie sind mein ganzer Besitz. Doch sag, wie hütet man die Ziegen?“ „Im Winter bringt man sie auf die Weide und im Sommer lässt man sie im Stall“, antwortete das Mädchen. „Dann“, sagte der Vater, „bist du nicht die rechte Ziegenhirtin.“ Er rief die zweite Tochter und fragte auch sie: „Mein Kind, wie hütet man die Ziegen?“ – Und auch diese Tochter antwortete: „Im Winter bringt man sie auf die Weide und im Sommer lässt man sie im Stall.“

Da rief der Vater La Bella zu sich: „Sag du mir, mein liebstes Kind, wie hütet man die Ziegen?“

Und La Bella antwortete: „Im Sommer bringt man sie auf die Weide und im Winter lässt man sie im Stall.“

„Also sollst du die Ziegen bekommen“, sagte der Vater, „sie sind alles, was ich hinterlasse, und du bist die rechte Ziegenhirtin.“

Und das waren seine letzten Worte.

Als der Vater gestorben war, suchten sich die älteren Schwestern eine Anstellung in der Stadt. La Bella aber zog mit ihren Ziegen auf die Weide. Dort hütete sie ihre Ziegen, den ganzen Sommer lang; und als der Sommer vorüber war und der kalte Herbstwind blies, wollte sie nach Hause zurückkehren und die Ziegen in den Stall bringen. Sie verirrte sich aber, lief hierhin, dorthin, es regnete, stürmte, und La Bella und ihre Ziegen froren jämmerlich. Da endlich sahen sie in der Ferne ein Haus, gingen dahin und klopften an, das Mädchen mit der Hand, und die Ziegen mit den Füßen, denn in der Gegend gab es damals ganz gescheite Ziegen.

„Ah, La Bella ist gekommen“, sagte drinnen eine tiefe Stimme. „Geh um das Haus herum, die kleine Tür führt in den Stall, da hinein bring deine Ziegen. Du selbst aber sollst durch das Fenster ins Haus steigen, es ist offen.“

Da ging sie um das Haus herum und brachte die Ziegen durch die kleine Türe in den Stall, sie selbst aber stieg durch das Fenster ins Haus. Im Herd waren kein Feuer und keine Glut, und auf dem Herd hockte der Orco und fror. Da erschrak die Schöne und wäre am liebsten gleich wieder durchs Fenster hinausgestiegen. Aber dann dachte sie an ihre Ziegen, wie sie es nun warm hatten im Stall. Und sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und sagte: „Wenn du versprichst, dass du mir nichts tust, gehe ich Holz holen und mache Feuer.“

Das gefiel dem Orco, und er ließ sie hinausgehen in den Wald. Wie sie nun Holz sammelte, sprang auf einmal ein Hündchen herbei, schmiegte sich an sie, bellte und bat: „Nimm mich mit.“ Was sollte sie machen? Sollte sie es in der Kälte zurücklassen? So gingen sie mit dem Holz zum Haus zurück, La Bella stieg durchs Fenster in die Stube, und das Hündchen sprang hinterdrein und legte sich schnell unter den Tisch, so behende, dass es der Orco nicht bemerkte. Dann machte La Bella Feuer im Herd und bald wurde es behaglich und warm im Haus. Plötzlich sagte der Orco: „Ich habe Hunger; wenn ich dich so ansehe: du wärst ein guter Bissen für mich.“

„Ach nein, lieber Orco!“ rief sie. „Ich will dir etwas Besseres holen – möchtest du vielleicht einen Blumenkohl?“

Das gefiel dem Orco und er ließ La Bella nochmals aus dem Haus. Das Hündchen blieb derweil unter dem Tisch liegen und bewachte den Orco und die Ziegen. Die Schöne ging hinaus auf das weite Feld, da waren viele Blumenkohlköpfe, die noch niemand abgeerntet hatte. Sie suchte den größten und schönsten und zog ihn aus der Erde, da tat sich an der Stelle ein Loch auf, da fiel sie hinein. Unten war ein langer dunkler Gang, am Ende des Ganges hockte ein Hund, der war angekettet mit einer eisernen Kette. Die Schöne ging den langen dunklen Gang hinunter und löste die Kette, da sprach der Hund: „Nimm mich mit.“ Sie hatte Mitleid und wollte ihn nicht so allein zurücklassen, also lief er neben ihr her. An der Stelle, wo sie hinuntergefallen war, schichtete sie Steine aufeinander, der Hund stellte sich auf die Steine und La Bella auf den Hund. Sie kletterte hinauf, zog den Hund hoch, nahm den Blumenkohl, ging zum Haus des Orco zurück, stieg zum Fenster hinein, und der große Hund mit einem einzigen Satz hinterher; bevor der Orco auch nur mit den Wimpern gezuckt hatte, lag er schon unter dem Tisch, und das Hündchen, das dort wartete und auf alles Acht gab, machte große Augen. La Bella begann zu kochen und dem Orco lief schon das Wasser im Mund zusammen. Da fiel ihm etwas ein: „Ich habe Durst“, sagte er verdrießlich. „Hätte ich dein Fleisch gegessen, dann hätte ich auch dein Blut getrunken. Vielleicht ist es doch besser, wenn ich die fresse.“

Aber La Bella malte ihm in den herrlichsten Farben aus, wie köstlich ihm frisches Quellwasser schmecken würde, und endlich war der Orco damit einverstanden und ließ sie noch einmal aus dem Haus, um Wasser zu holen. Das Hündchen und der Hund blieben zurück und bewachten den Orco und die Ziegen.

La Bella lief zum Brunnen, der war weit weg, weiter noch als das Blumenkohlfeld. Sie freute sich schon selbst auf das klare Wasser, aber wie sie hinkam, da hatte sie vergessen, einen Krug mitzunehmen. Wie sollte sie nun das Wasser schöpfen?

Sie schaute sich um und sah gar nicht weit entfernt einen riesengroßen Hund, der spielte mit einem alten Topf. Da rief sie: „Lieber Hund, bitte gib mir den Topf. Ich soll klares Wasser in das Haus des Orco bringen und habe den Krug vergessen. Wenn ich ohne Wasser zurückkomme, frisst mich der Orco und trinkt mein Blut, denn er ist hungrig und durstig.“ Da kam der riesengroße Hund herangetrottet, legte ihr den Krug vor die Füße, und sie konnte Wasser schöpfen. Der Hund ging neben ihr her bis zum Haus des Orco, sie stieg zum Fenster hinein in die Stube und gab dem Orco zu trinken, und der Riesenhund sprang hastdunichtgesehen durch das Fenster und verschwand unter dem Tisch, und da wurde es langsam eng.

Als der Orco sich satt gegessen hatte, legte er sich auf den Boden und wollte seinen Mittagsschlaf halten. Da sah er im Einschlafen, wie unter dem Tisch etwas leuchtete. Nun, wir wissen, dass es sechs Hundeaugen waren, die ihn da anfunkelten. Er aber dachte, das wäre etwas zum Fressen, rollte sich dahin, wollte danach greifen ... und im gleichen Augenblick stürzten sich die Hunde auf ihn und wollten ihn übel zurichten.

Da sprang La Bella dazwischen und rief: „Hört auf! Er hat mir ein Dach über dem Kopf gegeben, er hat meine Ziegen in seinen Stall aufgenommen, er hat mich dreimal aus dem Haus gehen lassen. Und jetzt, wo er schlaftrunken und träge ist, jetzt wollt ihr ihn umbringen?“ Da ließen die Hunde von ihm ab. Der Orco aber rappelte sich auf und sagte: „La Bella hat Feuer im Herd gemacht, sie hat mir zu essen und zu trinken gegeben, und sie hat mich vor dem Tod bewahrt. Jetzt will ich euch helfen.“

Er ging zum Herd, schaufelte Asche heraus und streute sie auf die Hunde, und da standen auf einmal statt der drei Hunde drei Buschen in der Stube, ein kleiner, der war noch ein Kind, ein größerer, der halb erwachsen war, und ein großer, der war schon erwachsen. Als La Bella den anschaute, wurde ihr warm ums Herz, sie ging zu ihm hin und umarmte ihn. Da tat sich die vordere Tür auf, und das Mädchen und die drei Burschen traten hinaus ins Freie. Der Frühling war gekommen, die Luft war mild. Sie gingen um das Haus herum und ließen die Ziegen aus dem Stall, da waren es aber nicht nur drei Ziegen, nein, es war eine ganze Herde. Da waren sie voller Freude und zogen alle gemeinsam fort, weit, weit weg vom Haus des Orco.

Und? Ist das nicht eine schöne Geschichte?


* Märchen aus Ligurien. Zuerst gefunden in: Das große Buch der Märchen, Reihe Märchen der Welt, Fischer TB 1993. Mein O-Ton.
































































Nikolaus und die Ameise


Da ist einmal eine kleine Ameise gewesen. Wie sie so dahingegangen ist, hat sie ein Steinchen übersehen, ist erst gestolpert, dann hingefallen, und hat sich einen Fuß gebrochen.

Da ist sie zu einem Arzt gegangen und hat gesagt: „Doktor, ich habe mir einen Fuß gebrochen, mach ihn bitte wieder heil.“ – „Ja“, hat der Doktor gesagt, „wenn ich das könnte. Weißt du, ich bin nämlich ein Menschendoktor. Für die Tiere bin ich nicht zuständig. Da musst du schon zu einem Tierarzt gehen. Gleich hier um die Ecke wohnt einer.“

Die Ameise hat sich bedankt und ist mit Mühe und unter Schmerzen zum Tierarzt gehumpelt. Und der wohnte auch noch drei Treppen hoch. „Hier habe ich mir den Fuß gebrochen. Bitte mach ihn wieder gesund.“ Der Tierarzt hat sich am Kopf gekratzt, ungefähr hier, und hat gesagt: „Meine Liebe, da kann ich dir nun gar nicht helfen. Weißt du, ich behandele nur die Säugetiere. Ich kann Hunde wieder gesund machen, und Katzen und Mäuse, sogar Elefanten und Tiger; aber für die Ameisen, nein, da bin ich so gar nicht zuständig.“

„Ja was soll ich denn nun machen?“ hat die kleine Ameise gefragt. „Bei dem anderen Doktor da um die Ecke war ich auch schon, der hat mich hierher geschickt. Und wo ich doch solche Schmerzen hab.“
„Ja“, hat der Tierarzt gesagt, „den kenne ich. Lass mich nachdenken. Wer könnte dir jetzt helfen... Weißt du was?“ - „Nein.“ - „Geh doch zum heiligen Nikolaus und bitte den um Hilfe.“ – „Zum heiligen Nikolaus? Und wo hat der seine Sprechstunde?“ – „Da gehst du nur die Straße hinunter bis zur Kirche.“
Hat sich die Ameise mühsam und unter Schmerzen die Straße lang geschleppt bis zur Kirche, die Stufen hinauf hat sie fast nicht mehr geschafft, dann noch unter der Kirchentür durch und den ganzen langen Gang bis nach vorne zur Statue des heiligen Nikolaus.

„Nikolaus! Siehst du, Nikolaus. Ich habe mir das Beinchen gebrochen, schau nur. Kannst du mir helfen?“
„Aber ja“, hat der Nikolaus gesagt, „aber freilich.“ Dann hat er ihr den Fuß gestreichelt, soooo, und dann hat er einmal gepustet, sooop, und da war der Fuß gleich wieder heil.

Da hat sich die Ameise gefreut! So froh war sie, dass sie fast vergessen hätte, sich zu bedanken. Dann ist sie zurückgelaufen auf ihren Beinchen (weißt du, wie viele Beinchen eine Ameise hat?), den ganzen langen Gang, unter der Kirchentür durch, die Stufen hinunter, die Straße entlang nach Hause, und so vergnügt war sie, dass sie unterwegs ein Steinchen übersehen hat und fast darüber hingefallen wäre.

* Die Vorlage fand ich bei Felix Karlinger (Hrsg.), Geschichten vom Nikolaus, 1995)  








Stiefelchen

Es war einmal eine Prinzessin, die war genau so, wie eine richtige Prinzessin sein muss. Schön war sie, und anmutig, klug und gut erzogen. Und reich sowieso. Aber sie hatte einen Fehler. Sie log. Sie log, dass sich die Balken bogen; sie log das Blaue vom Himmel herunter. Ihr Vater der König und ihre Mutter die Königin waren schon ganz verzweifelt. Was sollte man gegen die Lügenkrankheit nur ausrichten? „Wir könnten ja“, meinte die Königin eines Tages, „wir könnten ja noch größere Lügen erzählen als sie. Wer weiß, vielleicht glaubt sie uns nicht, ärgert sich und sagt: ‚Das ist gelogen’. Und dann ist sie geheilt.“ Nun, dem König fiel auch nichts Besseres ein, also stimmte er zu.
Gesagt, getan. Der König und die Königin und der ganze Hofstaat fingen an, die tollsten Lügengeschichten zu erzählen. Solche Lügen aber auch! Die Haare konnten einem zu Berge stehen. Und die Prinzessin? Die verzog keine Miene. Nicht ein einziges Mal sagte sie: Das ist gelogen.
Was nun? Der König ließ im ganzen Reich verkünden, wer seine Tochter dazu brächte, dass sie sagte: Das ist gelogen! – der dürfte sie zur Frau haben. Da kamen sie von überallher und erzählten hanebüchene Geschichten und gaben sich redlich Mühe. Und die Prinzessin? Verzog keine Miene.
Nun wohnte in einem Dorf am anderen Ende des Königsreiches ein junger Mann; ein hübscher Bursche war das, der Sohn eines Schusters und ging selbst in die Schusterlehre, deshalb nannten ihn alle Leute nur das Laarsje, „das Stiefelchen“. Als der von der wunderschönen Königstochter hörte mit der seltsamen Angewohnheit, dachte er bei sich: „Na, wenn sie sonst keine Marotten hat, von dieser Krankheit kann ihr wohl geholfen werden.“ Laarsje zog die nagelneuen Stiefel an, wanderte in die Stadt und ließ sich vor die Königstochter führen. „Einen schönen guten Tag auch“, grüßte er höflich.
Die Prinzessin machte ein griesgrämiges Gesicht. „Na, wenn das ein schöner Tag sein soll. Drei junge Männer waren heute schon hier und haben mich mit ihren Geschichten gelangweilt. Siehst du, wie ich immer nur gähnen muss? Ich überlege wirklich, ob ich für eine Weile fortgehe. Ich könnte Ferien auf dem Mond machen. Mein Vater hat dort ein Schloss gebaut, musst du wissen, das ist ziemlich geräumig. Man braucht eine ganze Woche, wenn man durch alle Zimmer gehen will.“
Laarsje schluckte. Dann sagte er:
„Ach, das Häuschen gehört deinem Vater. Wie klein doch die Welt ist! Da sind wir Nachbarn und haben es gar nicht gewusst. Mein Vater besitzt nämlich auch ein Schloss auf dem Mond, gleich neben dem euren. Ich bin aber nicht oft da, denn ich habe nicht genug Zeit. Als ich letztes Mal auf dem Mond war, habe ich jede Nacht in einem anderen Raum geschlafen, am Ende waren 360 Tage um.“
„So!“ sagte die Prinzessin schnippisch. „Dann hast du wohl auch den Ochsen gesehen, den mein Vater da oben hält. Du musst ihn gesehen haben, er ist riesig; zwischen seinen Hörnern hat ein ganzer Heuwagen Platz.“
„Jaaa“, antwortete Laarsje, „ich erinnere mich. Obwohl, so besonders ins Auge gefallen ist mir euer Ochse nun nicht gerade, denn er ist doch ziemlich klein im Vergleich zu unserem Mondochsen. Wir haben zwischen seine Hörner einen Stall gebaut, und abends treiben wir die Schweine und die Kühe dort hinein, damit sie sich im Dunkeln nicht verlaufen.“
„Nun, wenn schon. Aber sicher hast du noch nie einen Apfelbaum gesehen wie den, der vor dem Mondschloss meines Vaters steht. Äpfel trägt der, so groß wie Wagenräder!“
„Nein, an einen Apfelbaum kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern“, sagte Laarsje. „Wahrscheinlich haben ihn die Blätter meines Baumes verdeckt, den ich gestern Morgen gepflanzt habe. Der Baum wuchs in Windeseile, mittags war er schon so hoch wie der Kirchturm, nachmittags erreichte er die Wolken. Da bin ich hinaufgeklettert, wollte ein paar Äpfel pflücken. Der Baum wuchs weiter und weiter, ich kletterte höher und höher, bis schließlich der Wind kam und mich packte. Er setzte mich auf eine Wolke und pustete und pustete und pustete mich dreimal um den ganzen Erdball herum. Dann pustete er noch einmal, ich plumpste von der Wolke herunter, da bin ich gefallen und immer tiefer gefallen, bis ich schließlich neben dir in dem großen Schlammloch gelandet bin. Du weißt schon. Du hast da gesessen und meine Stiefel geputzt. Schau nur, sie glänzen immer noch.“
„WAS? Ich soll bei einem Schlammloch gesessen und dir die Stiefel geputzt haben? Das ist gelogen!“ rief die Prinzessin.
...
So bekam das Laarsje eine leibhaftige Königstochter zur Frau. Und weil der König einen Narren an ihm gefressen hatte, bekam er das halbe Königreich noch obendrauf. Und die Königstochter war eigentlich ganz zufrieden damit, denn er war ein angenehmer und hübscher junger Mann, das wisst ihr ja schon.
Nur zum Lügen kam sie jetzt so gar nicht mehr, denn sie musste mitregieren und sich um die Kinder kümmern und Stiefel putzen und hatte viel zu tun.
Aber immer bei Vollmond nimmt König Laarsje seine Frau bei der Hand und die beiden gehen hinaus in den Garten, setzen sich auf eine Bank und erzählen sich gegenseitig so dreiste Lügengeschichten, dass einem die Ohren wegfliegen, wenn man einmal aus Versehen zuhört.

 * Die Vorlage ist ein Märchen aus Schweden, ich fand es auf der Homepage www.milkmoon.de






Tuo-lan-ka

Wenn du nach China kommst, in den Süden, wo das Dorf der Tai liegt, dann geh hinunter ans Flussufer. Da, etwas abseits vom Dorf, steht noch heute eine alte, halb verfallene Bambushütte, und in dieser Bambushütte lebte vor Zeiten der Maler Tuo-lan-ka. Und was war das für ein Maler! Einen zweiten wie ihn wirst du auf der ganzen Welt nicht finden. Tuo-lan-ka war ein Maler mit Leib und Seele, er malte, wo er ging und stand, er bemalte alles, was ihm in die Hände kam, ob es nun Papier war oder Seide oder Holz.

Nur selten verließ er seine Hütte, und dann nur, um in den Tempel zu gehen. Aber nicht, wie du vielleicht glaubst, um dort zu beten oder den Göttern Opfergaben darzubringen. Nein, das liebte er nicht besonders. Vielmehr setzte er sich still in eine Ecke, beobachtete die Tempelbesucher und prägte sich ihre Gesichter ein. Dann ging er nach Hause, schloss sich in seine Hütte ein und malte. Und er vergaß alles rings um sich herum. Draußen wurde es Nacht und wieder Tag, und Tuo-lan-ka malte. Die Sonne schien und es regnete und stürmte, und Tuo-lan-ka malte. Ja, manchmal vergaß er sogar das Essen und Trinken. Tuo-lan-ka malte Gesichter, immer nur Gesichter, sieben an jedem Tag. Er hängte die Bilder an die Wände seiner alten Bambushütte, und wenn eine Woche vorbei war, dann schauten siebenmal sieben Gesichter ihm von den Wänden herab zu.

Eines Abends tobte draußen ein fürchterlicher Sturm, es blitzte und grollte, die Bäume bogen sich bis auf die Erde, Mensch und Tier hatten sich in Sicherheit gebracht. Nur Tuo-lan-ka bemerkte nichts, denn er war gerade dabei, das siebenmal siebte Gesicht zu malen. Da klopfte es an seine Türe. Der Maler öffnete. Da draußen stand einer, der war schwärzer als die Nacht.

"Ja, wer bist denn du?" fragte Tuo-lan-ka. "Und was treibst du hier draußen bei diesem Höllenwetter?" – "Ich bin der Tod", antwortete der Besucher. "Ich schere mich nicht um Wind und Wetter, ich habe mich um die Seelen zu kümmern; und gerade heute hat mir der Kaiser der Himmel befohlen, deine Seele zu holen."

"Das hat mir gerade noch gefehlt", dachte Tuo-lan-ka bei sich, und er wurde ganz kleinmütig. Dann aber sprach er sich selber Mut zu, und laut sagte er: "Tritt ein und gedulde dich ein wenig, ich muss erst noch ein Bild fertig malen." Und als habe er jeden Tag einen solchen Besuch, kehrte er dem Gast den Rücken zu und malte seelenruhig weiter.

Der Tod war so verdutzt, dass er sich tatsächlich ruhig in eine Ecke setzte; mit der Zeit, als ihn der Maler so gar nicht mehr beachtete, wurde er aber missmutig: "He, du, mach ein bisschen schneller, den Kaiser der Himmel lässt man nicht einfach so warten."

"Das ist ja gut und schön, aber das Bild soll und muss fertig gemalt werden. Geh voraus und sag deinem Kaiser, er möge sich ein wenig gedulden."

Der Tod war schrecklich neugierig, was Tuo-lan-ka so besonderes zu malen hatte, so trat er heran und schaute dem Maler über die Schulter. Und sein längst erstarrtes Herz lebte wieder auf. Aus dem Bild lächelte ihm ein Mädchen entgegen, ein Mädchen, so schön, wie er noch keines gesehen hatte. Leise, ganz leise, auf Zehenspitzen, schlich er aus der Hütte heraus und kehrte allein in den Himmel zurück.

"Wo ist der Maler Tuo-lan-ka?" fragte ihn der Kaiser der Himmel. "Verzeih, es ging nicht; er muss erst noch ein Gesicht zu Ende malen."

"Was heißt das, er muss erst noch ein Gesicht zu Ende malen! So etwas ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen", rief der Kaiser der Himmel, ganz aus seiner himmlischen Ruhe gebracht. "Auf der Stelle holst du den Maler hierher! So weit kommt es noch, dass ein irdischer Maler die himmlische Ordnung über den Haufen wirft."

So musste der Tod wieder hinabsteigen auf die Erde. Er ging durch das Dorf hinunter zum Fluss. Schon von weitem sah er Licht in der alten Bambushütte. Schnell öffnete er die Tür – und blieb wie angewurzelt stehen. Nirgendwo, nicht einmal im Himmel, gab es ein Mädchen, so schön, wie das dort in dem Bild.

"Du kommst zu früh", brummte Tuo-lan-ka. "Ich bin noch nicht fertig." Aber diesmal ließ sich der Tod nicht erweichen. So packte der Maler seufzend sein Werkzeug zusammen, die Skizzen und eine Opferkerze und ging gehorsam hinter dem Tod her. Vor dem Kaiser der Himmel verneigte er sich und kniete nieder, wie es sich für einen Sterblichen gehört. In der linken Hand hielt er die Kerze, in der rechten die Mappe mit den Skizzen.

"Es ist schon gut, ich weiß, dass du auf Erden ein berühmter Maler warst, und dass du ohne deine Malerei nicht sein kannst", sagte der Kaiser der Himmel und nickte freundlich. "Deine Arbeit wird auch im Himmel gebraucht."

Da verneigte sich Tuo-lan-ka noch tiefer und dankte für die hohe himmlische Auszeichnung. Ein wenig betrübt war er aber doch und vergoss sogar ein paar Tränen, weil er Abschied nehmen musste von seiner Heimat und der Erde, mit der sich doch kein Himmel messen kann, aber dann blies er die Kerze aus und folgte dem Tod. Der brachte ihn zum Geist des Lebens. "Hier ist jetzt dein Platz, nun zeige, was du kannst."

Und der Maler Tuo-lan-ka setzte sich neben den Geist des Lebens, packte seine Pinsel und Farbsteine, seine Tusche und seine Wasserschälchen aus und machte sich an die Arbeit. Und immer, wenn der Geist des Lebens jemandem eine neue Seele einhaucht, kramt Tuo-lan-ka in seinen Skizzen, holt ein Bild hervor und bestimmt, welches Antlitz das Neugeborene bekommen soll.

Allerdings müsst ihr wissen, dass Tuo-lan-ka ein wenig eigensinnig ist. Von seinen Schätzen trennt er sich nicht gern. So sehr auch die Tai-Mütter ihm die herrlichsten Opfergaben darbringen, damit er ihren Kindern ein schönes Antlitz schenkt, er bleibt geizig: Die schönsten Bilder behält er bei sich im Himmel.

* Zuerst gefunden in: Tibetische Märchen, Dausien Verlag Hanau/M. 1974; inzwischen leider vergriffen. Mein O-Ton.
















Warum die Nase des Hundes und der Ellbogen der Frau immer kalt sind

Als die Sintflut über die Erde kam und das Wasser hoch und höher stieg, entdeckte Noah eines Tages beim täglichen Rundgang ein kleines Leck im Boden seiner Arche. Und im gleichen Augenblick fiel ihm ein, dass er in der Eile vergessen hatte, Zimmermannswerkzeug mit an Bord zu nehmen.

Da stand er nun, besah sich die Stelle, wo das Wasser in die Arche eindrang, kratzte sich am Kopf und wusste nicht was tun. Sein Lieblingshund, der ihm überall hin folgte, saß dabei, sah zu und kratzte sich ebenfalls. Noah besah sich das Leck, schaute auf seinen Hund, dann packte er kurzerhand den Hund und stopfte ihn mit der Nase in das Loch. So.

So weit so gut. Das Wasser konnte jetzt nicht mehr in die Arche eindringen. Aber Noah merkte bald, dass sein Hund das so nicht lange würde aushalten können. Da stand er nun, besah sich seinen Hund, wie er mit der Nase das Leck abdichtete, kratzte sich am Kopf und wusste nicht was tun.

Inzwischen war Noahs Frau hinzugekommen, die ihm überall hin folgte. Sie stand dabei und besah sich die ganze Angelegenheit. Noah schaute auf seinen Hund, schaute auf seine Frau – und ehe man sich’s versah hatte er den Hund aus dem Loch gezogen, seine Frau am Arm gepackt und ihren Ellenbogen in das Loch gestopft.

Am Ende gelang es ihm doch noch, das Leck ordentlich abzudichten. Wie, das weiß ich auch nicht. Der mir die Geschichte erzählte, hatte es vergessen.

Seit der Zeit aber fühlen sich die Nase des Hundes und der Ellbogen der Frau immer kalt an. Und das wird so sein, solange die Welt besteht.


* Gefunden in dem Band "Englische Volksmärchen" der Reihe "Märchen der Welt" beim Diederichs Verlag. Mein O-Ton.














De brief aan de sultan



Wie Nasreddin Hodscha dem Sultan einen Brief brachte

De sultan heeft een prachtig diner georganiseerd. Maar Nasreddin Hodja is niet uitgenodigt, en dat zit’m vreselijk dwars. Want hij was toch een belangrijke figuur in de stad. En hij wil ontzettend graag mee-eten.


Der Sultan veranstaltet ein Galadiner und Nasreddin Hodscha ist nicht eingeladen. Das geht ihm ziemlich gegen den Strich, schließlich ist er jemand in der Stadt. Und er wäre schrecklich gern bei dem Essen dabei...

De enige manier om dat voor elkaar te krijgen is om ... Tja, onaangekondigd binnenvallen kan natuurlijk niet, maar als je nou onaangekondigd binnenvalt met een gooie reden, dan ben je in ieder geval binnen, en dan, met enig geluk, lukt het misschien wel om mee te eten.


Es gibt nur eine Möglichkeit, das auf die Reihe zu bekommen. Einfach unangemeldet hereinschneien geht natürlich nicht; aber wenn man aus gutem Grund unangemeldet hereinschneit, ist man immerhin schon mal drinnen, und dann, mit etwas Glück, klappt es vielleicht auch mit dem Essen.

Dus hij besluit om met een brief in de hand zo snel mogelijk naar het paleis van de sultan te lopen. En daar komt hij aan en hij laat zich aandienen en hij zegt dat er een vreselijk belangrijke urgentie-brief is.


Kurz entschlossen eilt er mit einem Brief in der Hand zum Palast und lässt sich beim Sultan melden. Er hat einen schrecklich wichtigen Brief, einen schrecklich eiligen wichtigen Brief.

De sultan trekt zich met de brief terug in zijn studeerkamer, en de Hodja wordt aan tafel uitgenodigd. Hij moet immers op het antwoord wachten, want zo hoort dat dan. De Hodja was namelijk ook schrijver in het oude Turkije. Dan wachtte je op het antwoord, want dat moest je dan opschrijven.


Der Sultan zieht sich mit dem Brief in sein Arbeitszimmer zurück, und der Hodscha wird an die Tafel gebeten. Er muss ja auf die Antwort warten, so gehört es sich. Früher war der Hodscha in der Türkei nämlich auch ein Schreiber und nahm die Antwort immer gleich mit, die wurde ihm dann meistens diktiert.

Dus Nasreddin Hodja werd uitgenodigd om te eten en zat daar keurig achter een enorme berg met eten. Even later komt de sultan weer terug en meldt stomverbaasd dat hij er niets van snapt, omdat er niets in de brief staat. Waarop de Hodja antwoordt: "Ja, dat is ook logisch. Er was zó ontzettend veel haast bij, dat er was geen tijd om’m te schrijven.


Also, Nasreddin Hodscha wird zum Essen gebeten und schaufelt sich kräftig auf den Teller. Nicht lange und der Sultan kommt zurück und ist ganz baff; wie soll man das verstehen, in dem Brief, da steht rein gar nichts.

Worauf der Hodscha antwortet: "Nein, natürlich steht da nichts. Der Brief musste so eilig gebracht werden, da blieb keine Zeit mehr, ihn auch noch schreiben."


* Die Geschichten von Nasreddin Hodscha finden sich an tausend und wer weiß wie vielen Stellen. Diese NL-Version kommt von Marco Holmer, die Übertragung ist von mir.


And they lived happily ever after.