MärchenLandHaus - Märchen + Geschichten für
1000 und wer weiß wie viele Nächte
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Der Affe als Richter
Ein gelehrter Mann lebte zusammen mit seinem
Hund und seiner Katze. Eines Tages brachte ihm ein Schüler einen
frisch gebackenen Kuchen. Der Lehrer stellte den Kuchen auf das Brett
an der Wand, wo er seine wenigen Küchengeräte aufbewahrte,
dann ging er fort. Den Kuchen wollte er später essen.
Die Katze hatte aufmerksam zugeschaut. Kaum hatte der Lehrer seine
Hütte verlassen, kam sie angeschlichen, sprang auf den Korbsessel,
von dort auf die Fensterbank, von dort auf den Tisch, und dann in
weitem Sprung auf das Brett. Der Sprung war aber so kräftig, dass
der dünne Bambusriemen riss, an dem das Brett hing, und Brett und
Kuchen und Katze landeten auf dem Fußboden.
Von dem Gepolter wurde der Hund wach, der draußen in der Sonne
döste und auf die Rückkehr seines Herrn wartete. Er lief in
die Hütte, um nachzusehen - und der Kuchenduft wehte ihm
bereits an der Tür entgegen. Da saß die Katze auf dem Boden
und schickte sich an, den Kuchen
zu verspeisen. Der Hund, als
er das sah, sprang auf die Katze zu und wollte ihr den Kuchen
entreißen. Die Katze fauchte und wehrte sich nach Kräften
und gab dem Hund einen kräftigen Hieb mit ihrer Tatze auf die
Nase. Der Hund jaulte.
Das hörte ein Affe, der draußen auf der Gartenmauer
herumturnte. Er warf einen Blick durchs Fenster, sah den Hund, die
Katze, den Kuchen ...
"Warum streitet ihr zwei euch an einem so herrlichen Tag?" fragte er.
"Diese nichtsnutzige diebische Katze hat unserem Herrn den Kuchen
stibitzt!" - "Was geht dich das an? Ich habe mir den Kuchen
mühsam verdient!" - "Unverschämtes, eigennütziges Biest.
Der Kuchen gehört unserem Herrn, ich habe genau so ein Anrecht
darauf wie du."
"Hört auf zu streiten!" sagte der Affe. "Ist der Kuchen nicht
groß genug für euch beide? Dort auf dem Tisch steht eine
Waage. Ich werde den Kuchen gerecht zwischen euch aufteilen.“
Die Katze und der Hund waren einverstanden. Gespannt schauten sie zu,
wie der Affe den
Kuchen in zwei Teile brach und einen Teil auf die eine Waagschale
legte, den anderen Teil auf die zweite. Die linke Waagschale plumpste
hinunter. "Das Stück ist wohl etwas zu schwer", murmelte der Affe,
bröckelte ein paar Krumen davon ab und steckte sie sich in den
Mund. Die linke Waagschale hob sich ein wenig. „Es ist genug“, riefen
der Hund und die Katze wie aus einem Mund. „Es ist nicht genug“,
antwortete der Affe streng. „Seht ihr nicht, dass die Waagschalen
nicht genau nebeneinander stehen? Niemand soll mir nachsagen, ich sei
ungerecht!“
Und er brach noch ein Stückchen vom Kuchen ab. Aber jetzt neigte
sich die rechte Waagschale nach unten. Also musste er auch dort etwas
wegnehmen, und weil er ein wenig zu viel genommen hatte, sank die
linke Waagschale wieder herunter.
Hund und Katze sahen erwartungsvoll zu, wie der Affe nach und nach
Brocken für Brocken aus dem Kuchen herausbrach, einmal aus der
linken Seite, einmal aus der rechten, wobei er behaglich vor sich hin
grunzte und schmatzte. Und so lange ging das, bis die eine Waagschale
ganz leer war
und in der anderen lag gerade noch ein Häppchen.
Nun tat er ganz böse und begann zu schimpfen: "Da zankt ihr euch
um ein paar Krümel und bemüht sogar mich als Schiedsrichter?
Ihr sollt euch schämen!
Zur Strafe esse ich diesen winzigen Happen auf, dann braucht ihr euch
nicht mehr darum zu streiten.“ Sprach’s und schwang sich zum Fenster
hinaus, und kaute immer noch." Der Hund und die Katze sahen ihm
verdutzt nach.
"Das hast du nun von deinem Geiz“, brummte der Hund schließlich
und trottete zurück zu seinem sonnigen Plätzchen. Bei sich
dachte er: „Es gibt keine Gerechtigkeit mehr auf der Welt.“ Dann
schlief er ein.
* Ein Märchen aus Indien

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Das Geheimnis der leeren
Muschelschalen
Der Herr hatte gesprochen: Es ist nicht gut, dass
einer alleine sei. Und so schuf er von allem Anfang an zwei von jeder
Art. Auch bei den Muscheln.
Im Anfang, da lebten Muschelmanen und Muschelinen noch zusammen in
einer Schale. Viel Platz hatten sie da ja nicht gerade. Und wie das so
ist: wenn es eng wird, bleibt der Streit nicht aus. „Jetzt rück
doch mal an die Seite, dass ich putzen kann.“ und: „Kannst du dir nicht
die Schuhe abputzen, bevor du hereinkommst? Jetzt habe ich wieder
überall diese Salzwasserflecken.“ oder: „Tausendmal hab ich dir
gesagt, du sollst das Loch oben rechts abdichten. Ich sage ja, eh du
dich von der Stelle bewegst, sind wir hier alle abgesoffen. Das ist nun
wieder typisch, statt vernünftig mit mir zu reden, greifst du zur
Flasche. Als ob man alle Probleme der See in Süßwasser
ertränken könnte. Mann, jetzt sag du doch auch mal was!“
Manchmal, da kamen Seefahrermuscheln aus dem Mittelmeer und
Touristenmuscheln aus der Südsee oder Wandermuscheln von weit her.
Da sahen sie, dass es auf der Welt nicht nur fleischige ovale
Miesmuscheln gibt, sondern auch rassige Herzmuscheln und gedrehte
Horchmuscheln, und große starke Jakobsmuscheln. Und das Leben zu
zweit mit immer der gleichen Muschel in immer der gleichen Schale kam
ihnen nicht mehr sehr verlockend vor.
Erst versuchten sie es auf eigene Faust. Sie teilten ihre Häuser.
Jeder bekam eine Hälfte. Aber das ging ja nun gar nicht! Allein
auf einer halben Muschel, ständig Salzwasser in der Schnauze und
immer unter Beobachtung.
Langer Rede kurzer Sinn: Die Muscheln gingen zum Herrn und baten um
Nachbesserung ihrer Existenz. Und der Herr hatte ein Einsehen und gab
jeder Muschel ihr eigenes Haus.
Aber hatte nicht der Herr gesagt: Es ist nicht gut, dass einer alleine
sei? Ja, eben! Wenn nämlich die eine Muschel es leid ist, allein
zu leben, dann öffnet sie ihre Tür, klopft bei einer anderen
an und sagt etwas wie zum Beispiel: „Komm doch auf ein Weilchen zu mir,
ich hab den Tisch für zwei gedeckt.“ Und dann schlüpft die
andere bei ihr unter und lässt ihr Haus zurück.
Und so kommt es, dass wir beim Spaziergang am Strand so viele offene
leere Muschelschalen sehen. Jetzt bliebe noch zu klären, wo die
kleinen Muscheln herkommen. Aber das ist eine andere Geschichte.
* Hab ich mir so gedacht.
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Der Mondbaum
Bis auf den heutigen Tag ist es in
China Brauch, dass am
fünfzehnten Tag des achten Monats die Menschen unter freiem Himmel
zusammenkommen und den Mond betrachten. Noch lange nach Mitternacht
stehen sie da und warten und schauen, denn es heißt, in jener
Nacht könne einem Menschen ein besonderes Glück begegnen. Und
weil ein Körnchen Wahrheit in vielem steckt, was man so behauptet,
hört euch meine Geschichte an, dann wisst ihr, was es mit diesem
besonderen Glück auf sich hat.
Da war einmal ein Holzhacker, der lebte
mit
seiner Mutter in den Bergen. Ein fleißiger Arbeiter war er und
ein guter Sohn, doch so sehr er sich auch plagte, es reichte für
sie beide kaum zum Leben.
Eines Tages sah einer der Himmlischen
Geister, wie er sich so umsonst abmühte, und da taten ihm Mutter
und Sohn leid. Er ging zum Kaiser der Himmel und bat ihn, die beiden
aufzunehmen. Das werdet ihr kaum glauben, doch auch im Himmel gibt es
immer Arbeit genug für einen, der ordentlich zupacken kann. Und
gerade zu jener Zeit mussten auf dem Mond die Äste des Zimtbaumes
gestutzt werden. Dieser Zimtbaum, müsst ihr nämlich wissen,
wächst auf dem Mond schon Millionen von Jahren, und weil sich
keiner so richtig um ihn gekümmert hatte, war er sehr dick und
sehr mächtig geworden und hatte über eine Million Äste.
Und immer, wenn oben am Zimtbaum im Mond ein neuer Ast heranwuchs, gab
es unten auf der Erde gleich wieder eine Million Menschen mehr. Dem
Kaiser der Himmel wollte es nicht so recht gefallen, dass die
Menschheit so schnell wuchs, und so wie er von dem fleißigen
Holzhacker hörte, beschloss er, ihn für die Arbeit am
Mondbaum zu holen. Als der junge Holzhacker erfuhr, welche Aufgabe ihm
bestimmt war, verneigte er sich und dankte für die hohe himmlische
Auszeichnung. Um die Wahrheit zu sagen, trotz aller Mühen fiel es
ihm nicht ganz leicht, die Erde zu verlassen, wo doch seine Heimat war,
aber er ging doch gleich an die Arbeit. Und wenn ihr genau hinschaut,
dann könnt ihr manchmal einen Schatten sehen, der sich auf dem
Mond hin und her bewegt. Das ist der Holzhacker, der den Zimtbaum
stutzt.
Nun ist dieser Zimtbaum nicht wie
andere
Bäume. Sein
Stamm und seine Äste sind so dick, dass der Holzhacker in einem
Jahr gerade einmal einen einzigen Ast abhacken kann. Und wer besonders
aufmerksam ist, der kann erleben, wie einmal im Jahr, nämlich am
fünfzehnten Tag des achten Monats, ein ganzer Ast auf die Erde
fällt. Und das ist auch kein gewöhnlicher Ast. Aber das
wussten die Menschen damals noch nicht. Als sie wieder einmal
draußen im Freien standen, in der fünfzehnten Nacht des
achten Monats, und zum silbernen Mond hinaufschauten, da kam etwas
durch die Luft gesaust, und bald konnte man hören, wie nahebei
etwas auf dem Boden aufschlug. Die Erwachsenen freilich bemerkten das
nicht, sie waren ja beschäftigt, sie mussten den Mond anstarren.
Aber die Kinder. Die Kinder haben ihre Augen und Ohren überall.
Sie liefen und suchten und hatten bald etwas gefunden. Nach einer Weile
kamen sie und brachten einen langen schweren Ast angeschleppt. „Schaut,
was wir gefunden haben“, riefen die Kinder. „Ja“, antworteten die
Erwachsenen, „das ist ein schöner Ast, er wird gutes Brennholz
abgeben.“ Und gleich am nächsten Tag machten sie aus dem Ast
Brennholz, um es zu verfeuern. Sie heizten damit einen Tag und noch
einen, eine Woche, einen Monat, einen zweiten Monat und noch
länger, und was soll ich euch sagen, das Holz von dem Ast brannte
immer noch. Da wunderten sich die Leute und erzählten die seltsame
Geschichte überall herum. Das hörte der eine, das hörte
der andere. Das hörte auch ein Mönch, der kam eines Tages,
besah sich das Brennholz und sagte: „Das ist nicht irgendein Ast, den
die Kinder da gefunden haben, das ist ein Ast des Zimtbaumes, und er
ist vom Mond gefallen. Hättet ihr aus dem Holz einen
Kleiderschrank gemacht, so hättet ihr euer Leben lang genug
anzuziehen; hättet ihr daraus ein Reisfass gemacht, so würde
es euch nie mehr an Essen mangeln; wenn ihr eine Geldtruhe aus dem Holz
gemacht hättet, wäret ihr nie mehr ohne Geld. Da ihr nun
Brennholz daraus gemacht habt, wird euch das Feuer nicht ausgehen.“ Das
sagte der Mönch, dann zog er weiter.
Freude und Sorgen, es bleibt nichts
verborgen. In Windeseile
verbreitete sich die Kunde von dem wunderbaren Ast, einer sagte es dem
anderen, der sagte es dem nächsten, und bald wussten es alle.
Und so schauen die Menschen in China
bis auf
den heutigen
Tag in der
fünfzehnten Nacht des achten Monats hinauf zum Himmel, und jeder
hofft, dass er es sein wird, der den Ast des Mondbaumes findet.
* Eine Textfassung dieser Geschichte habe ich vor
Jahren während
eines Märchenseminars bekommen. Dort war als Quelle angegeben: Von
fliegenden und sprechenden Bäumen, Hanser Verlag. Mein O-Ton.

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Der Riese und der Knirps
Es war
einmal ein Riese,
der war so groß wie der höchste Berg in den Pyrenäen;
und weil er täglich zum Frühstück sieben Menschen
verputzte, nannten ihn alle nur „Sieben-Mensch“. Der Riese wohnte
in einem Wald, der war so tief, dass man wohl hundert Tage brauchte,
um hindurch zu kommen, wenn man ohne Unterbrechung wanderte.
Sieben-Mensch aber mit seinen langen Beinen brauchte dafür
gerade einmal sieben Schritte.
Es lebte in
der Gegend
auch ein Mensch, ein Dreikäsehoch war das, mit einem Buckel,
siebenmal so groß wie die ganze kleine Person, deshalb hieß
er überall „Knirps Sieben-Buckel“. Knirps Sieben-Buckel war
arm. Einmal im Winter hatte er kein Holz, um Feuer zu machen, und es
war bitterkalt. Da ging er in den Wald des Riesen, Reisig zu sammeln.
Natürlich hatte er Angst, vom Riesen gefressen zu werden, aber
erfrieren wollte er auch nicht.
Er hatte
eben erst
begonnen, Holz zu sammeln, da hörte ihn der Riese auch schon,
und mit gerade einmal vier Schritten war er da. Und als er den
Winzling da unten stehen sah, musste er so lachen, dass er fast
geplatzt wäre.
Knirps
Sieben-Buckel
stellte sich kerzengrade hin, stemmte die Arme in die Hüften und
rief: „Caballero, du solltest wissen, dass noch niemand ungestraft
über mich gelacht hat. Du hörst sofort auf damit oder ich
verpasse dir ein paar Maulschellen, dass dir alle Zähne im Maul
wackeln!“
Der Riese
Sieben-Mensch
war es gewohnt, dass alle Welt vor ihm zitterte; er war so verdutzt,
dass er aufhörte zu lachen. „Ja, wer bist du denn überhaupt?“
– „Ich bin ich, und mir gegenüber brauchst du gar keine
große Lippe zu riskieren. Du magst ja groß sein wie ein
Berg, aber für mich bist du nicht viel mehr als eine Laus.“ -
„Du nimmst den Mund ganz schön voll. Wollen wir doch mal
sehen, wer von uns mehr kann. Wollen wir wetten, wer höher
springt?“ Der Riese nahm einen weiten Anlauf und sprang, hoch,
hoch über die höchste Eiche. Als Knirps Sieben-Buckel das
sah, fing er schallend an zu lachen und rief: „Soll das auch etwas
sein? So hoch bin ich schon als kleiner Junge gesprungen! Nun pass
einmal auf, dann kannst du sehen, was hoch springen heißt.“
Der Riese
Sieben-Mensch
wusste nicht, was er davon halten sollte. Er hatte die Spitze der
hohen Eiche noch in der Hand, bog sie hinunter bis auf die Erde und
sagte: „Und ich glaube, dass du bis ans Ende der Welt gehen kannst
und findest doch keinen, der so hoch springen kann wie ich.“ Er
ließ den Eichenwipfel los, die Eiche schnellte nach oben –
und der Knirps Sieben-Buckel mit, denn er hatte sich blitzschnell und
unbemerkt an den Zweigen festgehalten Jetzt wurde der Knirps
hochgeschleudert, aber auch so hoch, dass man glauben konnte, er
müsse bis zur Sonne fliegen. Schließlich landete er
wohlbehalten im Geäst der Eiche. „Ich habe dir ja gleich
gesagt, dass ich schon als Säugling so hoch gesprungen bin wie
du. Wenn du willst, können wir ja etwas anderes versuchen. Was
kannst du denn schon überhaupt? – „Ich kann laut pfeifen.“
– „Das kann ich auch. Bestimmt pfeifst du wie ein kleiner
Rotzlöffel. Lass schon hören.“
Da fing der
Riese
Sieben-Mensch an zu pfeifen, und ihr könnt mir glauben, dass er
laut pfiff. So laut pfiff er, dass die Bäume sich bogen und die
Blätter von den Zweigen fielen. Knirps Sieben-Buckel aber lachte
aus vollem Halse: „Das nennst du Pfeifen. Kerl, das ist nichts, gar
nichts. Wenn ich pfeife, treten dir die Augen aus den Höhlen und
das Trommelfell platzt in deinen Ohren. Besser, du verstopfst die
Ohren und hältst dir die Augen zu.“ Der Riese Sieben-Mensch
dachte an den unglaublichen Sprung, nahm ein Taschentuch, das war
größer als sieben Bett-Tücher, und hielt sich Augen
und Ohren zu. Knirps Sieben-Buckel packte den größten
Stein, den er heben konnte, und schleuderte ihn mit aller Macht dem
Riesen ins Genick. Das brachte den natürlich nicht um, aber er
dachte doch, es sei die Wirkung des Pfeifens und rief: „Hör
auf zu pfeifen, mir brummt jetzt schon der Schädel.“ „Na
siehst du. Ich habe dir ja gleich gesagt, mir gegenüber bist du
ein Zwerg. Wenn du willst, versuchen wir noch etwas.“ – „Gut.
Wir werden Steine schleudern.“ Der Riese nahm einen mächtigen,
mächtigen Stein und schleuderte ihn weit hinaus, wohl hundert
Klafter weit. „Na, was sagst du nun?“
Knirps
Sieben-Buckel
zuckte die Schultern. „Nun ja, wenn du meinst. Jetzt lass mich mal.
Siehst du den großen Felsen da hinten?“ – „Ja, das ist
mein Lieblingsstuhl.“ – „Den werde ich nehmen und bis in meinen
Garten werfen, denn ich sehe da eine Frau, die mir meine Feigen
stehlen will.“ – So weit kannst du gucken? Allerhand. Aber ich
bitte dich, nimm einen anderen Felsen, er ist mir so bequem, einen
anderen würde ich erst einsitzen müssen.“ – „Das ist
dein Problem, dieser Felsen ist gerade der richtige, um die Diebin in
meinem Garten zu erwischen. Oder hast du Angst, die Wette zu
verlieren. Nun gut, du kannst deinen Stuhl behalten, aber dann gib
wenigstens zu, dass du verloren hast.“ - Was blieb dem Riesen
übrig? Wenn er seinen Lieblingsstuhl behalten wollte, musste er
nachgeben. Also verständigte er sich mit dem Knirps.
Wie die
Geschichte
weiterging? Nun, sie wurden nicht gerade dicke Freunde, aber wenn
Knirps Sieben-Buckel Holz brauchte, ging er in den Wald des Riesen;
dann kam der Riese Sieben-Mensch herbeigestiefelt, die beiden
unterhielten sich eine Weile, und dann ging jeder seines Weges.
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In welchem Sammelband ich dieses baskische Märchen gefunden
habe, weiß ich nicht mehr. Mein O-Ton.
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Die sieben Raben
Ein Mann hatte sieben Söhne und
immer
noch kein Töchterchen, sosehr er sich’s auch wünschte; da gab
ihm seine Frau wieder Hoffnung auf ein Kind, und wie’s zur Welt kam,
war’s auch ein Mädchen.
Die Freude war groß, aber das
Kind war
schmächtig und klein und sollte wegen seiner Schwachheit die
Nottaufe haben. Der Vater schickte einen der Knaben eilend zur Quelle,
Taufwasser zu holen; die anderen sechs liefen mit, und weil jeder der
erste beim Schöpfen sein wollte, fiel ihnen der Krug in den
Brunnen. Da standen sie und wussten nicht, was sie tun sollten, und
keiner getraute sich heim. Als sie immer nicht zurückkamen, wurde
der Vater ungeduldig und sprach: "Gewiß haben sie’s wieder
über ein Spiel vergessen, die gottlosen Jungen." Es wurde ihm
angst, das Mädchen müsste ungetauft sterben, und in seinem
Ärger rief er: "Ich wollte, dass die Jungen alle zu Raben
würden."
Kaum war das Wort ausgesprochen
hörte
er ein Geschwirr über seinem Kopf in der Luft, schaute in die
Höhe und sah sieben kohlschwarze Raben auf und davon fliegen. Die
Eltern konnten die Verwünschung nicht mehr zurücknehmen, und
so traurig sie waren über den Verlust ihrer sieben Söhne, so
trösteten sie sich doch einigermaßen durch ihr
Töchterchen, das bald zu Kräften kam und mit jedem Tage
schöner wurde. Es wusste lange nicht einmal, dass es Geschwister
gehabt hatte, denn die Eltern hüteten sich, ihrer zu
erwähnen, bis es eines Tages von ungefähr die Leute von sich
sprechen hörte, das Mädchen wäre wohl schön, aber
doch eigentlich schuld an dem Unglück seiner sieben Brüder.
Da war es ganz betrübt, ging zu Vater und Mutter und fragte, ob es
denn Brüder gehabt hätte und wo sie hingeraten wären.
Nun durften die Eltern das Geheimnis nicht länger verschweigen,
sagten jedoch, es sei so des Himmels Verhängnis und seine Geburt
nur der unschuldige Anlass gewesen. Das Mädchen aber machte sich
täglich ein Gewissen daraus und meinte, es müsste seine
Brüder erlösen.
Es hatte nicht Ruhe und Rast, bis es
sich
heimlich aufmachte und in die weite Welt ging, seine Brüder
irgendwo aufzuspüren und zu befreien, es möchte kosten, was
es wollte. Es nahm nichts mit als ein Ringlein von seinen Eltern zum
Andenken, einen Laib Brot für den Hunger, einen Krug Wasser
für den Durst und ein Stühlchen für die Müdigkeit.
Nun ging es immerzu, weit, weit, bis an der Welt Ende.
Da kam es zur
Sonne, aber die war heiß und fürchterlich und sie fraß
die kleinen Kinder. Eilig lief es weg und lief hin zum Mond, aber der
war gar zu kalt und auch grausig und bös, und als er das Kind
bemerkte, sprach er: "Ich rieche, rieche Menschenfleisch."
Da machte es sich geschwind davon und
kam zu
den Sternen, die waren ihm freundlich und gut, und jeder saß auf
seinem besondern Stühlchen. Der Morgenstern aber stand auf, gab
ihm ein Hinkelbeinchen und sprach: "Wenn du das Beinchen nicht hast,
kannst du den Glasberg nicht aufschließen, und in dem Glasberg,
da sind deine Brüder."
Das Mädchen nahm das Beinchen,
wickelte
es wohl in ein Tüchlein und ging fort, so lange, bis es an den
Glasberg kam. Das Tor war verschlossen, und es wollte das Beinchen
hervorholen, aber wie es das Tüchlein aufmachte, da war es leer,
und es hatte das Geschenk der guten Sterne verloren. Was sollte es nun
anfangen? Seine Brüder wollte es erlösen und hatte keinen
Schlüssel zum Glasberg. Das Schwesterchen nahm ein Messer, schnitt
sich den kleinen Finger ab, steckte ihn ins Tor und schloss
glücklich auf. Und als es eingetreten war, kam ihm ein Zwerg
entgegen, der fragte: "Mein Kind, was suchst du?" – "Ich suche meine
Brüder, die sieben Raben." – "Die Herren Raben sind nicht zu Haus,
aber willst du hier warten, bis sie kommen, so tritt ein."
Darauf trug der Zwerg die Speisen der
Raben
herein auf sieben Tellerchen und in sieben Becherchen, und von jedem
Teller aß das Schwesterchen ein Bröckchen, aus jedem Becher
trank es ein Schlückchen; in den letzten Becher aber ließ es
das Ringlein fallen, das es mitgenommen hatte. Auf einmal hörte es
in der Luft ein Geschwirr und Geweh, da sprach der Zwerg: "Jetzt kommen
die Herren Raben heimgeflogen." Da kamen sie und wollten essen und
trinken und suchten ihre Tellerchen und Becherchen. Da sprach einer
nach dem anderen: "Wer hat von meinem Tellerchen gegessen? Wer hat aus
meinem Becher getrunken? Das ist eines Menschen Mund gewesen." Und als
der siebente auf den Grund des Bechers kam, da rollte ihm das Ringlein
entgegen. Da sah er es an und erkannte, dass es von Vater und Mutter
war und rief: "Gott gebe, unser Schwesterlein wäre da, dann
wären wir erlöst."
Als das Mädchen, das hinter der
Tür stand und lauschte, den Wunsch hörte, trat es hervor, und
da bekamen alle sieben Raben ihre menschliche Gestalt wieder. Das war
eine Freude. Sie herzten und sie küssten einander und dann zogen
sie fröhlich heim.
*Brüder Grimm; Achtung:
Nichts für Puristen! Das ist die leicht veränderte Fassung,
in der ich das Märchen erzähle. Wer den O-Ton haben will:
Märchenlexikon, siehe unter Links.
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Ins Leben rufen
Es lebte einmal ein Mann, der hatte eine Frau und drei
Söhne,
und die Frau trug ein viertes Kind unter ihrem Herzen. Der Mann war das
Oberhaupt seiner Sippe und ein großer Lehrer und Heiler. Seine
Söhne waren oft bei ihm und schauten ihm vieles ab, und vieles
brachte er ihnen auch bei.
Eines Tages ging der Vater in den Wald. Er ging allein, denn er wollte
Holz vom Mpingobaum holen. Aus dem Holz des Mpingobaums werden die
Stäbe der Lehrer und Heiler gemacht. Sie verleihen ihrem
Träger Entschlossenheit, Seelenstärke, und Kraft. Unterwegs
verhedderte er sich in einer Schlinge, in der man wilde Tiere
fängt, und konnte sich nicht daraus befreien. Als er nicht mehr
zurückkam, begannen die Männer des Dorfes, nach ihm zu
suchen. Tag für Tag zogen sie aus und suchten, sie konnten ihn
aber nicht finden. Schließlich wandten sie sich wieder ihrem
Tagewerk zu, denn sie mussten ja auch ihre Familien ernähren.
Verwandte und Freunde und die Söhne
suchten noch eine Weile weiter, aber endlich gaben auch sie auf und
begannen, sich wieder um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern.
Eine Zeitlang noch sprachen die Söhne mit ihrer Mutter über
den Vater, zuerst jeden Tag, dann immer seltener. Und als die Frau
ihren vierten Sohn gebar, konnten sie sich kaum noch erinnern, wie er
ausgesehen hatte, wie seine Stimme geklungen hatte, wie er sich
angefühlt hatte. Und schließlich sprachen sie nicht mehr von
ihm und dachten auch nicht mehr an ihn.
Der vierte Sohn wuchs heran, und kaum dass er laufen konnte, da konnte
er auch schon sprechen. Und sein erster Satz hieß: „Wo ist mein
Vater?“ Und als er noch ein wenig gewachsen war, da verging kein Tag,
an dem er nicht fragte. „Wo ist mein Vater?“ Und immer wieder: „Wo ist
mein Vater?“
Da machten sich eines Tages die drei älteren Söhne auf, um
noch einmal nach dem Vater zu suchen. Und diesmal fanden sie ihn. Das
heißt, sie fanden, was von ihm übrig war, denn er war in der
Schlinge gestorben. Die wilden Tiere hatten ihm das Fleisch von den
Knochen genagt und seine Gebeine und die Fetzen seines Gewandes
lagen ringsum verstreut.
„Jetzt werde ich euch zeigen, was mich der Vater gelehrt hat“, sagte
der jüngere; und er sammelte die Knochen und legte sie zusammen,
so akkurat, dass am Ende ein vollständiges Gerippe da lag, es
fehlte auch nicht das kleinste Knöchelchen.
„Na und? Auch ich habe beim Vater gelernt“, sagte der mittlere, „schaut
nur, was ich jetzt mache.“ Und er begann, Erde und Wasser zu kneten,
bedeckte nach und nach das Gerippe damit und hatte am Ende einen
Menschen geformt, der sah aus, wie der Vater immer ausgesehen
hatte.
„Jetzt werdet ihr staunen“, sagte der älteste Sohn. Und er ging
hin, hauchte den da liegenden Körper an, pustete ihm in den Mund,
die Augenhöhlen, die Nase und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
Und da erwachte der Vater, stand auf und war lebendig wie vorher. Und
sie umarmten einander und zogen heim. Und dort war die Freude
groß. Und so lebten sie.
Viele Jahre danach rief der Vater seine vier Söhne zu sich. „Ich
bin alt geworden. Es ist an der Zeit, dass ich den Stab des
Familienhauptes, die Mkongoja, an einen meiner Söhne abgebe.
Wer von euch soll
den Stab bekommen?“
„Gib ihn mir, den Stab“, sagte der, der das Gerippe zusammengelegt
hatte. „Wenn ich nicht die Knochen und Knöchelchen zusammengesucht
und ein jedes an seinen rechten Fleck gelegt hätte, so wärst
du heute gar nicht hier.“
„Ach was, als käme es auf ein paar Knöchelchen und
Knorpelchen mehr oder weniger an“, rief der zweite. „Aber was
wärst du, wenn ich nicht wüsste, wie man einen Menschen
formt.“
„Ja und wenn das alles wäre, dann läge der Körper noch
immer ohne Leben im Wald“, sagte der älteste Sohn ärgerlich.
„Mir gebührt der Stab, denn ich habe dem Vater Leben eingehaucht.“
Der jüngste aber schwieg.
„Ihr habt Großes vollbracht, jeder von euch“, sagte der Vater.
„Und doch gebührt der Stab dem jüngsten eurer Brüder,
denn er war es, der euch nach mir gefragt hat.“
* Ein Märchen aus Afrika und von überallher
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La Bella und der Orco
Es war einmal ein armer Mann, der hatte
drei
schöne Töchter, und die Jüngste war so schön, dass
alle Welt sie nur La Bella nannte, das heißt die Schöne.
Eines Tages wurde der Vater krank, und
es
dauerte nicht lange, da lag er auf dem Sterbebett. Er rief die
älteste Tochter zu sich und sagte: „Höre, mein Kind, ich kann
euch nur drei Ziegen hinterlassen, sie sind mein ganzer Besitz. Doch
sag, wie hütet man die Ziegen?“
„Im Winter bringt man sie auf die Weide und im Sommer lässt man
sie im Stall“, antwortete das Mädchen. „Dann“, sagte der Vater,
„bist du nicht die rechte Ziegenhirtin.“ Er rief die zweite Tochter und
fragte auch sie: „Mein Kind, wie hütet man die Ziegen?“ – Und auch
diese Tochter antwortete: „Im Winter bringt man sie auf die Weide und
im Sommer lässt man sie im Stall.“
Da rief der Vater La Bella zu sich:
„Sag du
mir, mein liebstes Kind, wie hütet man die Ziegen?“
Und La Bella antwortete: „Im Sommer
bringt
man sie auf die Weide und im Winter lässt man sie im Stall.“
„Also sollst du die Ziegen bekommen“,
sagte
der Vater, „sie sind alles, was ich hinterlasse, und du bist die rechte
Ziegenhirtin.“
Und das waren seine letzten Worte.
Als der Vater gestorben war, suchten
sich
die älteren Schwestern eine Anstellung in der Stadt. La Bella aber
zog mit ihren Ziegen auf die Weide. Dort hütete sie ihre Ziegen,
den ganzen Sommer lang; und als der Sommer vorüber war und der
kalte Herbstwind blies, wollte sie nach Hause zurückkehren und die
Ziegen in den Stall bringen. Sie verirrte sich aber, lief hierhin,
dorthin, es regnete, stürmte, und La Bella und ihre Ziegen froren
jämmerlich.
Da endlich sahen sie in der Ferne ein Haus, gingen dahin und klopften
an, das Mädchen mit der Hand, und die Ziegen mit den
Füßen, denn in der Gegend gab es damals ganz gescheite
Ziegen.
„Ah, La Bella ist gekommen“, sagte
drinnen
eine tiefe Stimme. „Geh um das Haus herum, die kleine Tür
führt in den Stall, da hinein bring deine Ziegen. Du selbst aber
sollst durch das Fenster ins Haus steigen, es ist offen.“
Da ging sie um das Haus herum und
brachte
die Ziegen durch die kleine Türe in den Stall, sie selbst aber
stieg durch das Fenster ins Haus. Im Herd waren kein Feuer und keine
Glut, und auf dem Herd hockte der Orco und fror. Da erschrak die
Schöne und wäre am liebsten gleich wieder durchs Fenster
hinausgestiegen. Aber dann dachte sie an ihre Ziegen, wie sie es nun
warm hatten im Stall. Und sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und sagte:
„Wenn du versprichst, dass du mir nichts tust, gehe ich Holz holen und
mache Feuer.“
Das gefiel dem Orco, und er ließ
sie
hinausgehen in den Wald. Wie sie nun Holz sammelte, sprang auf einmal
ein Hündchen herbei, schmiegte sich an sie, bellte und bat: „Nimm
mich mit.“ Was sollte sie machen? Sollte sie es in der Kälte
zurücklassen? So gingen sie mit dem Holz zum Haus zurück, La
Bella stieg durchs Fenster in die Stube, und das Hündchen sprang
hinterdrein und legte sich schnell unter den Tisch, so behende, dass es
der Orco nicht bemerkte. Dann machte La Bella Feuer im Herd und bald
wurde es behaglich und warm im Haus. Plötzlich sagte der Orco:
„Ich habe Hunger; wenn ich dich so ansehe: du wärst ein guter
Bissen für mich.“
„Ach nein, lieber Orco!“ rief sie. „Ich
will
dir etwas Besseres holen – möchtest du vielleicht einen
Blumenkohl?“
Das gefiel dem Orco und er ließ
La
Bella nochmals aus dem Haus. Das Hündchen blieb derweil unter dem
Tisch liegen und bewachte den Orco und die Ziegen. Die Schöne ging
hinaus auf das weite Feld, da waren viele Blumenkohlköpfe, die
noch niemand abgeerntet hatte. Sie suchte den größten und
schönsten und zog ihn aus der Erde, da tat sich an der Stelle ein
Loch auf, da fiel sie hinein. Unten war ein langer dunkler Gang, am
Ende des Ganges hockte ein Hund, der war angekettet mit einer eisernen
Kette. Die Schöne ging den langen dunklen Gang hinunter und
löste die Kette, da sprach der Hund: „Nimm mich mit.“ Sie hatte
Mitleid und wollte ihn nicht so allein zurücklassen, also lief er
neben ihr her. An der Stelle, wo sie hinuntergefallen war, schichtete
sie Steine aufeinander, der Hund stellte sich auf die Steine und La
Bella auf den Hund. Sie kletterte hinauf, zog den Hund hoch, nahm den
Blumenkohl, ging zum Haus des Orco zurück, stieg zum Fenster
hinein, und der große Hund mit einem einzigen Satz hinterher;
bevor der Orco auch nur mit den Wimpern gezuckt hatte, lag er schon
unter dem Tisch, und das Hündchen, das dort wartete und auf alles
Acht gab, machte große Augen.
La Bella begann zu kochen und dem Orco lief schon das Wasser im Mund
zusammen. Da fiel ihm etwas ein: „Ich habe Durst“, sagte er
verdrießlich. „Hätte ich dein Fleisch gegessen, dann
hätte ich auch dein Blut getrunken. Vielleicht ist es doch besser,
wenn ich die fresse.“
Aber La Bella malte ihm in den
herrlichsten
Farben aus, wie köstlich ihm frisches Quellwasser schmecken
würde, und endlich war der Orco damit einverstanden und ließ
sie noch einmal aus dem Haus, um Wasser zu holen. Das Hündchen und
der Hund blieben zurück und bewachten den Orco und die Ziegen.
La Bella lief zum Brunnen, der war weit
weg,
weiter noch als das Blumenkohlfeld. Sie freute sich schon selbst auf
das klare Wasser, aber wie sie hinkam, da hatte sie vergessen, einen
Krug mitzunehmen. Wie sollte sie nun das Wasser schöpfen?
Sie schaute sich um und sah gar nicht
weit
entfernt einen riesengroßen Hund, der spielte mit einem alten
Topf. Da rief sie: „Lieber Hund, bitte gib mir den Topf. Ich soll
klares Wasser in das Haus des Orco bringen und habe den Krug vergessen.
Wenn ich ohne Wasser zurückkomme, frisst mich der Orco und trinkt
mein Blut, denn er ist hungrig und durstig.“ Da kam der
riesengroße Hund herangetrottet, legte ihr den Krug vor die
Füße, und sie konnte Wasser schöpfen. Der Hund ging
neben ihr her bis zum Haus des Orco, sie stieg zum Fenster hinein in
die Stube und gab dem Orco zu trinken, und der Riesenhund sprang
hastdunichtgesehen durch das Fenster und verschwand unter dem Tisch,
und da wurde es langsam eng.
Als der Orco sich satt gegessen hatte,
legte
er sich auf den Boden und wollte seinen Mittagsschlaf halten. Da sah er
im Einschlafen, wie unter dem Tisch etwas leuchtete. Nun, wir wissen,
dass es sechs Hundeaugen waren, die ihn da anfunkelten. Er aber dachte,
das wäre etwas zum Fressen, rollte sich dahin, wollte danach
greifen ... und im gleichen Augenblick stürzten sich die Hunde auf
ihn und wollten ihn übel zurichten.
Da sprang La Bella dazwischen und rief:
„Hört auf! Er hat mir ein Dach über dem Kopf gegeben, er hat
meine Ziegen in seinen Stall aufgenommen, er hat mich dreimal aus dem
Haus gehen lassen. Und jetzt, wo er schlaftrunken und träge ist,
jetzt wollt ihr ihn umbringen?“ Da ließen die Hunde von ihm ab.
Der Orco aber rappelte sich auf und sagte: „La Bella hat Feuer im Herd
gemacht, sie hat mir zu essen und zu trinken gegeben, und sie hat mich
vor dem Tod bewahrt. Jetzt will ich euch helfen.“
Er ging zum Herd, schaufelte Asche heraus und
streute sie
auf die Hunde, und da standen auf einmal statt der drei Hunde drei
Buschen in der Stube, ein kleiner, der war noch ein Kind, ein
größerer, der halb
erwachsen war, und ein großer, der war schon erwachsen. Als La
Bella den anschaute, wurde ihr warm ums Herz, sie ging zu ihm hin und
umarmte ihn. Da tat sich die vordere Tür auf, und das Mädchen
und die drei Burschen traten hinaus ins Freie. Der Frühling war
gekommen, die Luft war mild. Sie gingen um das Haus herum und
ließen die Ziegen aus dem Stall, da waren es aber nicht nur drei
Ziegen, nein, es war eine ganze Herde. Da waren sie voller Freude und
zogen alle gemeinsam fort, weit, weit weg vom Haus des Orco.
Und? Ist das nicht eine schöne Geschichte?
* Märchen aus Ligurien. Zuerst gefunden in: Das große Buch
der Märchen, Reihe Märchen der Welt, Fischer TB 1993. Mein
O-Ton.
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Nikolaus und die Ameise
Da ist einmal eine kleine Ameise gewesen. Wie sie so dahingegangen ist,
hat sie ein Steinchen übersehen, ist erst gestolpert, dann
hingefallen, und hat sich einen Fuß gebrochen.
Da ist sie zu einem Arzt gegangen und hat gesagt: „Doktor, ich habe mir
einen Fuß gebrochen, mach ihn bitte wieder heil.“ – „Ja“, hat der
Doktor gesagt, „wenn ich das könnte. Weißt du, ich bin
nämlich ein Menschendoktor. Für die Tiere bin ich nicht
zuständig. Da musst du schon zu einem Tierarzt gehen. Gleich hier
um die Ecke wohnt einer.“
Die Ameise hat sich bedankt und ist mit Mühe und unter Schmerzen
zum Tierarzt gehumpelt. Und der wohnte auch noch drei Treppen hoch.
„Hier habe ich mir den Fuß gebrochen. Bitte mach ihn wieder
gesund.“ Der Tierarzt hat sich am Kopf gekratzt, ungefähr hier,
und hat gesagt: „Meine Liebe, da kann ich dir nun gar nicht helfen.
Weißt du, ich behandele nur die Säugetiere. Ich kann Hunde
wieder gesund machen, und Katzen und Mäuse, sogar Elefanten und
Tiger; aber für die Ameisen, nein, da bin ich so gar nicht
zuständig.“
„Ja was soll ich denn nun machen?“ hat die kleine Ameise gefragt. „Bei
dem anderen Doktor da um die Ecke war ich auch schon, der hat mich
hierher geschickt. Und wo ich doch solche Schmerzen hab.“
„Ja“, hat der Tierarzt gesagt, „den kenne ich. Lass mich nachdenken.
Wer könnte dir jetzt helfen... Weißt du was?“ - „Nein.“ -
„Geh doch zum heiligen Nikolaus und bitte den um Hilfe.“ – „Zum
heiligen Nikolaus? Und wo hat der seine Sprechstunde?“ – „Da gehst du
nur die Straße hinunter bis zur Kirche.“
Hat sich die Ameise mühsam und unter Schmerzen die Straße
lang geschleppt bis zur Kirche, die Stufen hinauf hat sie fast nicht
mehr geschafft, dann noch unter der Kirchentür durch und den
ganzen langen Gang bis nach vorne zur Statue des heiligen Nikolaus.
„Nikolaus! Siehst du, Nikolaus. Ich habe mir das Beinchen gebrochen,
schau nur. Kannst du mir helfen?“
„Aber ja“, hat der Nikolaus gesagt, „aber freilich.“ Dann hat er ihr
den Fuß gestreichelt, soooo, und dann hat er einmal gepustet,
sooop, und da war der Fuß gleich wieder heil.
Da hat sich die Ameise gefreut! So froh war sie, dass sie fast
vergessen hätte, sich zu bedanken. Dann ist sie
zurückgelaufen auf ihren Beinchen (weißt du, wie viele
Beinchen eine Ameise hat?), den ganzen langen Gang, unter der
Kirchentür durch, die Stufen hinunter, die Straße entlang
nach Hause, und so vergnügt war sie, dass sie unterwegs ein
Steinchen übersehen hat und fast darüber hingefallen
wäre.
* Die Vorlage fand ich bei Felix Karlinger
(Hrsg.), Geschichten vom
Nikolaus, 1995)


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Stiefelchen
Es war einmal eine Prinzessin, die war genau so, wie
eine richtige Prinzessin sein muss. Schön war sie, und anmutig,
klug und gut erzogen. Und reich sowieso. Aber sie hatte einen Fehler.
Sie log. Sie log, dass sich die Balken bogen; sie log das Blaue vom
Himmel herunter. Ihr Vater der König und ihre Mutter die
Königin waren schon ganz verzweifelt. Was sollte man gegen die
Lügenkrankheit nur ausrichten? „Wir könnten ja“, meinte die
Königin eines Tages, „wir könnten ja noch größere
Lügen erzählen als sie. Wer weiß, vielleicht glaubt sie
uns nicht, ärgert sich und sagt: ‚Das ist gelogen’. Und dann ist
sie geheilt.“ Nun, dem König fiel auch nichts Besseres ein, also
stimmte er zu.
Gesagt, getan. Der König und die Königin und der ganze
Hofstaat fingen an, die tollsten Lügengeschichten zu
erzählen. Solche Lügen aber auch! Die Haare konnten einem zu
Berge stehen. Und die Prinzessin? Die verzog keine Miene. Nicht ein
einziges Mal sagte sie: Das ist gelogen.
Was nun? Der König ließ im ganzen Reich verkünden, wer
seine Tochter dazu brächte, dass sie sagte: Das ist gelogen! – der
dürfte sie zur Frau haben. Da kamen sie von überallher und
erzählten hanebüchene Geschichten und gaben sich redlich
Mühe. Und die Prinzessin? Verzog keine Miene.
Nun wohnte in einem Dorf am anderen Ende des Königsreiches ein
junger Mann; ein hübscher Bursche war das, der Sohn eines
Schusters und ging selbst in die Schusterlehre, deshalb nannten ihn
alle Leute nur das Laarsje, „das Stiefelchen“. Als der von der
wunderschönen Königstochter hörte mit der seltsamen
Angewohnheit, dachte er bei sich: „Na, wenn sie sonst keine Marotten
hat, von dieser Krankheit kann ihr wohl geholfen werden.“ Laarsje zog
die nagelneuen Stiefel an, wanderte in die Stadt und ließ sich
vor die Königstochter führen. „Einen schönen guten Tag
auch“, grüßte er höflich.
Die Prinzessin machte ein griesgrämiges Gesicht. „Na, wenn das ein
schöner Tag sein soll. Drei junge Männer waren heute schon
hier und haben mich mit ihren Geschichten gelangweilt. Siehst du, wie
ich immer nur gähnen muss? Ich überlege wirklich, ob ich
für eine Weile fortgehe. Ich könnte Ferien auf dem Mond
machen. Mein Vater hat dort ein Schloss gebaut, musst du wissen, das
ist ziemlich geräumig. Man braucht eine ganze Woche, wenn man
durch alle Zimmer gehen will.“
Laarsje schluckte. Dann sagte er:
„Ach, das Häuschen gehört deinem Vater. Wie klein doch die
Welt ist! Da sind wir Nachbarn und haben es gar nicht gewusst. Mein
Vater besitzt nämlich auch ein Schloss auf dem Mond, gleich neben
dem euren. Ich bin aber nicht oft da, denn ich habe nicht genug Zeit.
Als ich letztes Mal auf dem Mond war, habe ich jede Nacht in einem
anderen Raum geschlafen, am Ende waren 360 Tage um.“
„So!“ sagte die Prinzessin schnippisch. „Dann hast du wohl auch den
Ochsen gesehen, den mein Vater da oben hält. Du musst ihn gesehen
haben, er ist riesig; zwischen seinen Hörnern hat ein ganzer
Heuwagen Platz.“
„Jaaa“, antwortete Laarsje, „ich erinnere mich. Obwohl, so besonders
ins Auge gefallen ist mir euer Ochse nun nicht gerade, denn er ist doch
ziemlich klein im Vergleich zu unserem Mondochsen. Wir haben zwischen
seine Hörner einen Stall gebaut, und abends treiben wir die
Schweine und die Kühe dort hinein, damit sie sich im Dunkeln nicht
verlaufen.“
„Nun, wenn schon. Aber sicher hast du noch nie einen Apfelbaum gesehen
wie den, der vor dem Mondschloss meines Vaters steht. Äpfel
trägt der, so groß wie Wagenräder!“
„Nein, an einen Apfelbaum kann ich mich beim besten Willen nicht
erinnern“, sagte Laarsje. „Wahrscheinlich haben ihn die Blätter
meines Baumes verdeckt, den ich gestern Morgen gepflanzt habe. Der Baum
wuchs in Windeseile, mittags war er schon so hoch wie der Kirchturm,
nachmittags erreichte er die Wolken. Da bin ich hinaufgeklettert,
wollte ein paar Äpfel pflücken. Der Baum wuchs weiter und
weiter, ich kletterte höher und höher, bis schließlich
der Wind kam und mich packte. Er setzte mich auf eine Wolke und pustete
und pustete und pustete mich dreimal um den ganzen Erdball herum. Dann
pustete er noch einmal, ich plumpste von der Wolke herunter, da bin ich
gefallen und immer tiefer gefallen, bis ich schließlich neben dir
in dem großen Schlammloch gelandet bin. Du weißt schon. Du
hast da gesessen und meine Stiefel geputzt. Schau nur, sie glänzen
immer noch.“
„WAS? Ich soll bei einem Schlammloch gesessen und dir die Stiefel
geputzt haben? Das ist gelogen!“ rief die Prinzessin.
...
So bekam das Laarsje eine leibhaftige Königstochter zur Frau. Und
weil der König einen Narren an ihm gefressen hatte, bekam er das
halbe Königreich noch obendrauf. Und die Königstochter war
eigentlich ganz zufrieden damit, denn er war ein angenehmer und
hübscher junger Mann, das wisst ihr ja schon.
Nur zum Lügen kam sie jetzt so gar nicht mehr, denn sie musste
mitregieren und sich um die Kinder kümmern und Stiefel putzen und
hatte viel zu tun.
Aber immer bei Vollmond nimmt König Laarsje seine Frau bei der
Hand und die beiden gehen hinaus in den Garten, setzen sich auf eine
Bank und erzählen sich gegenseitig so dreiste
Lügengeschichten, dass einem die Ohren wegfliegen, wenn man einmal
aus Versehen zuhört.
* Die Vorlage ist ein Märchen aus Schweden,
ich fand es auf der Homepage www.milkmoon.de

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Tuo-lan-ka
Wenn du nach China kommst, in den
Süden, wo das Dorf der Tai liegt, dann geh hinunter ans Flussufer.
Da, etwas abseits vom Dorf, steht noch heute eine alte, halb verfallene
Bambushütte, und in dieser Bambushütte lebte vor Zeiten der
Maler Tuo-lan-ka. Und was war das für ein Maler! Einen zweiten wie
ihn wirst du auf der ganzen Welt nicht finden. Tuo-lan-ka war ein Maler
mit Leib und Seele, er malte, wo er ging und stand, er bemalte alles,
was ihm in die Hände kam, ob es nun Papier war oder Seide oder
Holz.
Nur selten verließ er seine
Hütte, und dann nur, um in den Tempel zu gehen. Aber nicht, wie du
vielleicht glaubst, um dort zu beten oder den Göttern Opfergaben
darzubringen. Nein, das liebte er nicht besonders. Vielmehr setzte er
sich still in eine Ecke, beobachtete die Tempelbesucher und prägte
sich ihre Gesichter ein. Dann ging er nach Hause, schloss sich in seine
Hütte ein und malte. Und er vergaß alles rings um sich
herum. Draußen wurde es Nacht und wieder Tag, und Tuo-lan-ka
malte. Die Sonne schien und es regnete und stürmte, und Tuo-lan-ka
malte. Ja, manchmal vergaß er sogar das Essen und Trinken.
Tuo-lan-ka malte Gesichter, immer nur Gesichter, sieben an jedem Tag.
Er hängte die Bilder an die Wände seiner alten
Bambushütte, und wenn eine Woche vorbei war, dann schauten
siebenmal sieben Gesichter ihm von den Wänden herab zu.
Eines Abends tobte draußen ein
fürchterlicher Sturm, es blitzte und grollte, die Bäume bogen
sich bis auf die Erde, Mensch und Tier hatten sich in Sicherheit
gebracht. Nur Tuo-lan-ka bemerkte nichts, denn er war gerade dabei, das
siebenmal siebte Gesicht zu malen. Da klopfte es an seine Türe.
Der Maler öffnete. Da draußen stand einer, der war
schwärzer als die Nacht.
"Ja, wer bist denn du?" fragte
Tuo-lan-ka.
"Und was treibst du hier draußen bei diesem Höllenwetter?" –
"Ich bin der Tod", antwortete der Besucher. "Ich schere mich nicht um
Wind und Wetter, ich habe mich um die Seelen zu kümmern; und
gerade heute hat mir der Kaiser der Himmel befohlen, deine Seele zu
holen."
"Das hat mir gerade noch gefehlt",
dachte
Tuo-lan-ka bei sich, und er wurde ganz kleinmütig. Dann aber
sprach er sich selber Mut zu, und laut sagte er: "Tritt ein und gedulde
dich ein wenig, ich muss erst noch ein Bild fertig malen." Und als habe
er jeden Tag einen solchen Besuch, kehrte er dem Gast den Rücken
zu und malte seelenruhig weiter.
Der Tod war so verdutzt, dass er sich
tatsächlich ruhig in eine Ecke setzte; mit der Zeit, als ihn der
Maler so gar nicht mehr beachtete, wurde er aber missmutig: "He, du,
mach ein bisschen schneller, den Kaiser der Himmel lässt man nicht
einfach so warten."
"Das ist ja gut und schön, aber
das
Bild soll und muss fertig gemalt werden. Geh voraus und sag deinem
Kaiser, er möge sich ein wenig gedulden."
Der Tod war schrecklich neugierig, was
Tuo-lan-ka so besonderes zu malen hatte, so trat er heran und schaute
dem Maler über die Schulter. Und sein längst erstarrtes Herz
lebte wieder auf. Aus dem Bild lächelte ihm ein Mädchen
entgegen, ein Mädchen, so schön, wie er noch keines gesehen
hatte. Leise, ganz leise, auf Zehenspitzen, schlich er aus der
Hütte heraus und kehrte allein in den Himmel zurück.
"Wo ist der Maler Tuo-lan-ka?" fragte
ihn
der Kaiser der Himmel. "Verzeih, es ging nicht; er muss erst noch ein
Gesicht zu Ende malen."
"Was heißt das, er muss erst noch
ein
Gesicht zu Ende malen! So etwas ist mir in meinem ganzen Leben noch
nicht vorgekommen", rief der Kaiser der Himmel, ganz aus seiner
himmlischen Ruhe gebracht. "Auf der Stelle holst du den Maler hierher!
So weit kommt es noch, dass ein irdischer Maler die himmlische Ordnung
über den Haufen wirft."
So musste der Tod wieder hinabsteigen
auf
die Erde. Er ging durch das Dorf hinunter zum Fluss. Schon von weitem
sah er Licht in der alten Bambushütte. Schnell öffnete er die
Tür – und blieb wie angewurzelt stehen. Nirgendwo, nicht einmal im
Himmel, gab es ein Mädchen, so schön, wie das dort in dem
Bild.
"Du kommst zu früh", brummte
Tuo-lan-ka. "Ich bin noch nicht fertig." Aber diesmal ließ sich
der Tod nicht erweichen. So packte der Maler seufzend sein Werkzeug
zusammen, die Skizzen und eine Opferkerze und ging gehorsam hinter dem
Tod her. Vor dem Kaiser der Himmel verneigte er sich und kniete nieder,
wie es sich für einen Sterblichen gehört. In der linken Hand
hielt er die Kerze, in der rechten die Mappe mit den Skizzen.
"Es ist schon gut, ich weiß, dass
du
auf Erden ein berühmter Maler warst, und dass du ohne deine
Malerei nicht sein kannst", sagte der Kaiser der Himmel und nickte
freundlich. "Deine Arbeit wird auch im Himmel gebraucht."
Da verneigte sich Tuo-lan-ka noch
tiefer und
dankte für die hohe himmlische Auszeichnung. Ein wenig
betrübt war er aber doch und vergoss sogar ein paar Tränen,
weil er Abschied nehmen musste von seiner Heimat und der Erde, mit der
sich doch kein Himmel messen kann, aber dann blies er die Kerze aus und
folgte dem Tod. Der brachte ihn zum Geist des Lebens. "Hier ist jetzt
dein Platz, nun zeige, was du kannst."
Und der Maler Tuo-lan-ka setzte sich
neben
den Geist des Lebens, packte seine Pinsel und Farbsteine, seine Tusche
und seine Wasserschälchen aus und machte sich an die Arbeit. Und
immer, wenn der Geist des Lebens jemandem eine neue Seele einhaucht,
kramt Tuo-lan-ka in seinen Skizzen, holt ein Bild hervor und bestimmt,
welches Antlitz das Neugeborene bekommen soll.
Allerdings müsst ihr wissen, dass
Tuo-lan-ka ein wenig eigensinnig ist. Von seinen Schätzen trennt
er sich nicht gern. So sehr auch die Tai-Mütter ihm die
herrlichsten Opfergaben darbringen, damit er ihren Kindern ein
schönes Antlitz schenkt, er bleibt geizig: Die schönsten
Bilder behält er bei sich im Himmel.
* Zuerst gefunden in:
Tibetische
Märchen, Dausien Verlag Hanau/M. 1974; inzwischen leider vergriffen.
Mein O-Ton.  |
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Warum die Nase des Hundes und der
Ellbogen der Frau immer kalt sind
Als die Sintflut über die Erde kam
und
das Wasser hoch und höher stieg, entdeckte Noah eines Tages beim
täglichen Rundgang ein kleines Leck im Boden seiner Arche. Und im
gleichen Augenblick fiel ihm ein, dass er in der Eile vergessen hatte,
Zimmermannswerkzeug mit an Bord zu nehmen.
Da stand er nun, besah sich die Stelle,
wo
das Wasser in die Arche eindrang, kratzte sich am Kopf und wusste nicht
was tun. Sein Lieblingshund, der ihm überall hin folgte, saß
dabei, sah zu und kratzte sich ebenfalls. Noah besah sich das Leck,
schaute auf seinen Hund, dann packte er kurzerhand den Hund und stopfte
ihn mit der Nase in das Loch. So.
So weit so gut. Das Wasser konnte jetzt
nicht mehr in die Arche eindringen. Aber Noah merkte bald, dass sein
Hund das so nicht lange würde aushalten können. Da stand er
nun, besah sich seinen Hund, wie er mit der Nase das Leck abdichtete,
kratzte sich am Kopf und wusste nicht was tun.
Inzwischen war Noahs Frau
hinzugekommen, die
ihm überall hin folgte. Sie stand dabei und besah sich die ganze
Angelegenheit. Noah schaute auf seinen Hund, schaute auf seine Frau –
und ehe man sich’s versah hatte er den Hund aus dem Loch gezogen, seine
Frau am Arm gepackt und ihren Ellenbogen in das Loch gestopft.
Am Ende gelang es ihm doch noch, das
Leck
ordentlich abzudichten. Wie, das weiß ich auch nicht. Der mir die
Geschichte erzählte, hatte es vergessen.
Seit der Zeit aber fühlen sich die
Nase
des Hundes und der Ellbogen der Frau immer kalt an. Und das wird so
sein, solange die Welt besteht.
* Gefunden in dem Band "Englische
Volksmärchen" der Reihe "Märchen der Welt" beim Diederichs
Verlag. Mein O-Ton.
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De brief aan de sultan
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Wie Nasreddin Hodscha dem Sultan einen Brief
brachte
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De sultan heeft een prachtig
diner
georganiseerd. Maar Nasreddin Hodja is niet uitgenodigt, en dat zit’m
vreselijk dwars. Want hij was toch een belangrijke figuur in de stad.
En hij wil ontzettend graag mee-eten.
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Der Sultan veranstaltet ein
Galadiner
und Nasreddin
Hodscha ist nicht eingeladen. Das geht ihm ziemlich gegen den Strich,
schließlich ist er jemand in der Stadt. Und er wäre
schrecklich gern
bei dem Essen dabei...
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De enige manier om dat voor
elkaar te
krijgen is om ... Tja, onaangekondigd binnenvallen kan natuurlijk niet,
maar als je nou onaangekondigd binnenvalt met een gooie reden, dan ben
je in ieder geval binnen, en dan, met enig geluk, lukt het misschien
wel om mee te eten.
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Es gibt nur eine
Möglichkeit, das auf die Reihe zu bekommen. Einfach unangemeldet
hereinschneien geht natürlich nicht; aber wenn man aus gutem Grund
unangemeldet hereinschneit, ist man immerhin schon mal drinnen, und
dann, mit etwas Glück, klappt es vielleicht auch mit dem Essen.
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Dus hij besluit om met een brief
in de
hand zo snel mogelijk naar het paleis van de sultan te lopen. En daar
komt hij aan en hij laat zich aandienen en hij zegt dat er een
vreselijk belangrijke urgentie-brief is.
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Kurz
entschlossen eilt er mit einem Brief in der Hand zum Palast und
lässt
sich beim Sultan melden. Er hat einen schrecklich wichtigen Brief,
einen schrecklich eiligen wichtigen Brief.
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De sultan trekt zich met de brief
terug in zijn studeerkamer, en de Hodja wordt aan tafel uitgenodigd.
Hij moet immers op het antwoord wachten, want zo hoort dat dan. De
Hodja was namelijk ook schrijver in het oude Turkije. Dan wachtte je op
het antwoord, want dat moest je dan opschrijven.
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Der
Sultan zieht sich mit dem Brief in sein Arbeitszimmer zurück, und
der
Hodscha wird an die Tafel gebeten. Er muss ja auf die Antwort warten,
so gehört es sich. Früher war der Hodscha in der Türkei
nämlich auch
ein Schreiber und nahm die Antwort immer gleich mit, die wurde ihm dann
meistens diktiert.
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Dus Nasreddin Hodja werd
uitgenodigd
om te eten en zat daar keurig achter een enorme berg met eten. Even
later komt de sultan weer terug en meldt stomverbaasd dat hij er niets
van snapt, omdat er niets in de brief staat. Waarop de Hodja antwoordt:
"Ja, dat is ook logisch. Er was zó ontzettend veel haast bij,
dat er was geen tijd om’m te schrijven.
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Also, Nasreddin Hodscha wird zum
Essen
gebeten und schaufelt sich kräftig auf den Teller.
Nicht lange und der Sultan kommt zurück und ist ganz baff; wie
soll man das verstehen, in dem Brief, da steht rein gar nichts.
Worauf
der Hodscha antwortet: "Nein, natürlich steht da nichts. Der Brief
musste so eilig gebracht werden, da blieb keine Zeit mehr, ihn auch
noch schreiben."
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* Die Geschichten von
Nasreddin Hodscha finden sich
an tausend und wer weiß wie vielen Stellen. Diese NL-Version
kommt von Marco Holmer, die Übertragung ist von mir.
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And
they
lived happily ever after.
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